Bissiges

Mai 6, 2008

Arme Hauptschüler

Filed under: Arbeitsbedingungen,Schulpolitik — laempel @ 10:34 pm
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Immer wenn es um das dreigliedrige Schulsystem geht, ist in den letzten Jahren viel von „Aussortieren“ und „Selektion“ die Rede. (Letzterer Begriff erweckt doch dunkle Assoziationen an üble Praktiken aus der Nazizeit, was wohl auch nicht ganz ungewollt ist.) Gemeint ist, dass Realschule und Gymnasium ihre relativ guten Ergebnisse aufgrund der Tatsache erzielen würden, dass sie die Hauptschüler vorher „aussortiert“ hätten. Durch eine homogenere Schülerschaft gebe es ein besseres Lernumfeld, in dem auch Schwächere wesentlich höhere Leistungen erzielen würden als an einer Hauptschule. Dadurch dass in erster Linie „Unterschichtskinder“ diese Schulform besuchen, die ihnen keine Aufstiegsmöglichkeiten bietet, erhält diese Frage auch eine soziale Dimension: Unser Schulsystem zementiert die sozialen Schichten, fast wie in einer Feudalgesellschaft.

Dass das Lernumfeld eine enorme Rolle spielt und dass sich die Hauptschulkollegen mit Problemen herumschlagen müssen, von denen wir am Gymnasium noch nicht einmal die Bruchstücke erahnen, das soll hier nicht bestritten werden. Aber es darf doch bezweifelt werden, dass sich dieses Lernumfeld nicht auch an Hauptschulen herstellen ließe (Bayern macht es schließlich vor). Zumindest für Schleswig-Holstein lässt sich sagen, dass die Hauptschule systematisch an die Wand gefahren worden ist — aus Kostengründen.

Eigentlich sollte man davon ausgehen, dass Hauptschüler, da sie länger zum Lernen brauchen und man bei ihnen auch kaum eigenständiges Lernen voraussetzen kann, mehr Unterrichtszeit benötigten als Gymnasiasten. Außerdem müssten die Lehrer neben ihrer pädagogischen Fähigkeit hervorragend fachdidaktisch ausgebildet sein, um den Schülern trotz ihrer Schwierigkeiten den Stoff näherzubringen.
Nach meinen Beobachtungen der örtlichen Hauptschullandschaft traf beides in den letzten fünfzehn Jahren viel zu oft nicht zu: In Sek. I erhielten die Hauptschüler etwa ein drittel weniger Unterricht als Gymnasiasten. Wenn Lehrer krank waren, fiel der Unterricht oft tageweise aus. Die Unterrichtsversorgung hat sich in den letzten Jahren zwar gebessert; die Stundentafel sieht aber immer noch weniger Stunden als am Gymnasium vor (wenn es sich nicht gerade um Ganztagsschulen handelt). Was die Versorgung mit Fachlehrkräften betrifft, so ist man auch hier jahrzehntelang nach dem Motto verfahren: Wer selbst mal in der Schule war, wird auf diesem Niveau schon unterrichten können. Oder wie muss man es verstehen, wenn an die Hauptschule abgeordnete Gymnasiallehrer mit den Fächern Mathematik und Erdkunde mit einem Mal Englisch unterrichten sollen? Jeder Hauptschulkollege muss grundsätzlich davon ausgehen, alle Fächer unterrichten zu müssen. Hier spricht sich doch die eigentliche Verachtung gegenüber den Schülern aus: Voll ausgebildete Lehrer seid ihr uns nicht wert!

Deshalb alle Achtung vor den Hauptschulkollegen, die unter diesen Bedingungen täglich einen Spagat absolvieren! Kinder und Jugendliche, die von der Gesellschaft von vornherein als Verlierer abgestempelt wurden, noch fürs Lernen zu motivieren, ohne selbst genügend dafür ausgebildet worden zu sein — das grenzt an die Quadratur des Kreises. Dass unter diesen Verhältnissen nicht die optimalen Leistungen erzielt werden, kann man nun wirklich nicht der Schulform anlasten.

Dass dieses Verliererimage der Hauptschüler, die Kinder des „Prekariats“, mit einem Mal verschwinden wird, wenn man nur die Hauptschule auflöst, das dürfte zu den größeren Lebenslügen der Verantwortlichen gehören. Wenn man nicht bereit ist, gezielt zu fördern, und zwar nicht nur pädagogisch, sondern auch fachlich, dann werden diese Kinder nie die Erfolgserlebnisse erzielen, die sie so nötig für ihre Entwicklung benötigen, um dem häufig katastrophalen Umfeld zu entwachsen. Im Gegensatz, sie werden auch an der neuen Schulform schnell merken, dass sie die „Doofen“ sind — Mitschüler sind da ziemlich direkt. Will man wirklich über die Schule den sozialen Unterschieden entgegenwirken, dann muss man auch bereit sein, dafür Geld auszugeben. Also an alle eine Frage: Was sind uns die Hauptschüler wert?

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