Bissiges

Mai 31, 2007

Berufskrankheiten

Filed under: Arbeitsbedingungen,Schülerverhalten — laempel @ 10:10 pm

Lehrern sagt man nach, dass sie immer jammern. Sie seien nie zufrieden, würden ständig unter der hohen Belastung stöhnen, seien unflexibel, wenn es um Neuerungen gehe.

Das alles sind markante Anzeichen einer Berufskrankheit! Wie in jedem Beruf wirkt ein ungesundes Umfeld und führt zu gewissen Deformationen. Da in der Schule dieses Umfeld zum größten Teil aus Schülern besteht, müssen wir uns den typischen Schüler einmal genauer anschauen.

Auf die Aufforderung: „Schlagt eure Bücher auf S. xy auf und bearbeitet die Aufgabe z“, folgt prompt ein entnervtes Stöhnen, dem Lehrer die hoffnungslose Überforderung und Lustlosigkeit entnehmen kann: „Oh, nicht schon wieder schreiben … sooo viel schon wieder … so ne doofe Aufgabe ….“, um nur die harmlosen Äußerungen zu nennen.
Auf die freudige Ankündigung „Heute machen wir das aber mal anders!“ (Lehrer will schließlich durch Methodenwechsel etwas Abwechslung in den Unterricht bringen) folgt unausweichlich der prompte Wunsch: „Können wir das nicht wie immer machen?“
Ganz schlimm wird es, wenn es um die Anforderungen bei Klassenarbeiten geht: „Das ist viel zu viel!“ … „Das können Sie doch nicht von uns verlangen!“ … „Da müssen wir ja so viel lernen!“ ….

Es ist doch sonnenklar, dass diese pubertär wabernden Miss-Stimmungen schließlich auch ihre Furchen in das Lehrergehirn graben.

Mai 21, 2007

Neurosen

Filed under: Arbeitsbedingungen,Eltern,Marotten,Politik — laempel @ 11:10 pm

Viele der kreativsten und genialsten Menschen litten unter psychischen Störungen, die dazu führten, dass sie zumindest als Sonderlinge angesehen, wenn nicht gar in irgendwelche Anstalten weggesperrt wurden oder Selbstmord begingen. Man denke nur an van Gogh, Nietsche, Virginia Woolf, Herrmann Hesse, Curt Cobain — die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Es scheint so, als ob psychische Instabilität geradezu die Voraussetzung für Kreativität, Genialität sei.
In diesem Fall müsste der Oberlehrer noch einmal seine Karriereplanung überdenken, denn die Arbeitsbedingungen sind so angelegt, dass zwangsläufig neurotische Störungen entstehen. Man kann hier in der Bestandsaufnahme schon vor der derzeit grassierenden bildungsministerialen Reformitis als Folge des lang andauernden Pisa-Schocks ansetzen. Beginne man doch einfach mit der Zeitstruktur: Im Fünfundvierzig-Minuten-Takt soll mehr oder weniger aufnahmebereiten Schülern Wissen eingetrichtert werden. In einem Tagesablauf springen letztere vom Sportunterricht zu Englisch, dann zu Biologie, Mathematik, Religion, Deutsch und vielleicht noch Physik. Und auch der Oberlehrer hüpft an einem Vormittag von Klasse zu Klasse, froh, wenn er in der letzten Stunde noch weiß, was er am Vortag geplant hatte. In der Zwischenzeit sicher Wichtiges vergessen: ein Satz Photokopien im Kopierraum liegen gelassen, Mitteilung über kranke Schüler nicht an Kollegen weitergegeben, Bücher oder anderes Material nicht ins Fachschaftsregal zurückgestellt, Arbeiten nicht eingetragen und so weiter und so fort.
Dann diese merkwürdige doppelbödige Erwartungshaltung, welche der Lehrperson entgegengebracht wird: Einerseits soll sie — so der Anspruch der Eltern — all das richten, was im Elternhaus versäumt wurde: den Kindern Ordnung, Disziplin, Höflichkeit, Mitmenschlichkeit und was nicht sonst noch so alles vermitteln. Andererseits gibt es wohl kaum eine Berufsgruppe, der nicht ein so hohes Maß an Unwillen, Unfähigkeit und Faulheit unterstellt wird, wie den Lehrern. Jeder mit psychologischem Halbwissen behaftete Mitmensch kann sich ein plastisches Bild von den Folgen für die geistige Gesundheit machen, welche der täglich vollführte Eiertanz zwischen dem Versuch, diesem idealistischen Anspruch gerecht zu werden, und dem ständigen Untergraben der Autorität nach sich zieht. Selbstverständlich ist immer der Lehrer schuld: wenn Kinder keine Hausaufgaben machen, wenn sie zu spät zur Schule kommen, wenn sie im Unterricht anderen Dingen nachgehen, den Unterricht sabotieren oder ihm sogar fernbleiben (vulgo schwänzen). Schließlich kann man es den armen Kleinen nicht verübeln, wenn der Unterricht keinen Spaß macht. Faszinierend soll er sein, mühelos soll das Wissen in die Köpfe der begeisterten Jugend einfließen, sie mitreißen und die Freude für weiteres Entdecken wecken. Aber unsere armen Kinder werden drögen Übungen ausgesetzt, müssen lesen, gar handschriftlich Texte verfassen, Grammatik, Vokabeln und das Einmaleins pauken — es ist schon ein Graus. Da kann man es schon verstehen, wenn dabei Schulunlust aufkommt…und von diesen faulen Lehrern, diesen Halbtagsjobbern mit Managergehältern hat man ja sowieso nichts Besseres erwartet.
Eine innere Gespanntheit, Zerissenheit zwischen Anspruch und Wirklichkeit — das wird zum Wesen des Lehrers. Diese psychischen Grenzerfahrungen schreien geradezu danach, sie in Höherem zu sublimieren. So sehe man denn: Die Schule als Berufsfeld ist die Brutstätte kreativsten Denkens und Werkens — oder warum gehen so viele Lehrer in die Politik?

Mai 11, 2007

Volksschädlinge

Filed under: Mitmenschlichkeit,Politik — laempel @ 9:26 am

Nach den Rauchern sind nun die Dicken an der Reihe. Das verwundert den Oberlehrer nicht, denn das Land Schleswig-Holstein setzt hier bei der Verbeamtung auf Lebenszeit schon lange Prioritäten: Während ihm kein Fall bekannt ist, dass einem Kollegen wegen Rauchens die Verbeamtung verwehrt wurde, mussten zwei Bekannte wegen eines BMI von über 25 zunächst eine strenge Diät durchmachen, bevor sie den begehrten Status erhielten. (Was von der langfristigen Wirkung solcher Diäten zu halten ist, lässt sich in der aktuellen Zeit — 10.05.2007 Nr. 20: Abspecken! — nachlesen.)

Nun also die Kampfansage an alle Couch Potatoes, die mit ihren überschüssigen Pfunden, schwabbeligen Speckfalten und ungesundem Essverhalten die Volksgemeinschaft belasten: Unsere Bundesregierung legt ein Aktionsprogramm auf, damit die Deutschen nicht länger den Spitzenplatz in Sachen Gewicht in Europa innehaben (dabei wird doch sonst so viel Wert darauf gelegt, das wir Deutschen immer auf den vordersten Rängen landen…).

Im Gegensatz zum eher laschen Programm der Regierung (Aufklärung über gesundes Essen, Bewegungsprogramme) schlägt der Oberlehrer drastischere Maßnahmen vor, die dem Ernst der Lage angemessen sind:

  • Pausenbrotkontrolle in den Schulen: Alles , was nicht den Standards einer vollwertigen Ernährung entspricht (zuckerhaltige Getränke, Weißbrot, Schokoriegel, Kekse, fette Wurst und fetter Käse usw.), wird am Schuleingang entsorgt.
  • Veröffentlichung der Namen und Adressen aller Übergewichtigen im Internet, damit jeder, dem die Solidargemeinschaft am Herzen liegt, ihnen seine Meinung über ihr volksschädigendes Verhalten vor Augen halten kann.
  • Zwangswiegen beim Arzt und bei Überschreiten der 25er-Marke eine Zwangsdiät, sonst Einstellung aller medizinischer Behandlung auf Kosten der Krankenkassen. Die Volksgemeinschaft kann es schließlich nicht tolerieren, dass ihr Gesundheitssystem von solch egoistischen Sozialschmarotzern aus den Angeln gehoben wird.

(Warum nur haben sich in diesen Artikel einige Ausdrücke eingeschlichen, die seit der Zeit von 1933-45 aus der Mode geraten sind?)

Ergänzung: Weitere interessante und durchaus überlegenswerte Vorschläge finden sich im Podcast von NDR-Info (heute im Radio gehört).

Mai 7, 2007

Alltagsstress

Filed under: Marotten,Mitmenschlichkeit — laempel @ 8:44 pm

Das Leben könnte so schön sein, gerade jetzt im Mai, da die Vöglein singen, die Blümlein blühen und duften, ein laues Lüftlein weht und das Gras unter den Füßen sprießt. Wären da nicht diese Ärgernisse. Z.B. eine offenstehende Schranktür, welche obszön in den Raum hineinragt, das wohlaustarierte innenarchtitektonische Design stört und zu allem Überfluss noch den Blick auf ein unentschuldbar ungeordnetes Sammelsurium freigibt. Z.B. ein Läufer, der nicht im rechten Winkel zur Terrassentür ausgerichtet ist und so die wohlüberlegte Linienführung konterkariert. Z.B. ein Küchenmesser, das hinterlistigerweise eine Schublade weiter eingeordnet wurde, und so beim Essenzubereiten große Hektik, schrilles Geschrei und wildes Türenschlagen verursacht. Z.B. ein Hemd, das leicht schräg auf die Leine gehängt wurde, wodurch das anschließende Bügeln zur unübwerwindlichen Strapaze wird. Z.B. eine Zahnpastatube ….

Es ist eigentlich überraschend, warum nicht noch mehr Ehen geschieden werden. Anlässe gäbe es genug.

Mai 4, 2007

Alt werden

Filed under: Mitmenschlichkeit — laempel @ 9:54 pm

Auch wenn der Oberlehrer im besten Lebensalter ist, sozusagen noch voll im Saft steht, kommt er nicht umhin, über das Altern nachzudenken. Die Verwandtschaft macht es schließlich vor, wie es geht.

Schon die Namen von Altersheimen, neuerdings wird die Bezeichnung „Seniorenresidenz“ bevorzugt, haben einen euphemistisch-abschreckenden Charakter: Feierabend  oder Sonnenuntergang — da kommen doch eher düstere Assoziationen.

Menschenwürde ist relativ: Sie nimmt mit dem Alter ab. Jeden Anspruch darauf gibt man ab, wenn man Insasse einer solchen Einrichtung  wird. Dann wird man zum Objekt von Pflegestandards, die koste es, was es wolle, durchgesetzt werden. Essen gibt es nur zu bestimmten Tageszeiten; im Zweifelsfalle erfolgt die Zwangsfütterung, denn es muss ja im Pflegebericht dokumentiert werden, dass der Patient ausreichend versorgt wurde. Oma kaut nur noch auf den Felgen? — Dann her mit dem Zahnersatz, ob sie will oder nicht. Morgens wird das Gebiss dann mit Gewalt eingeschoben, auch wenn Oma so fest es geht die Lippen zusammenpresst. Opa will nicht mehr essen? — Dann her mit der Magensonde; das Einflößen der Nahrung hat sowieso zu viel Zeit gekostet. Toilettenbesuche finden nach Zeitplan statt; wenn jemand zur falschen Zeit muss und dabei Hilfe benötigt, hat er Pech gehabt. Es gibt ja schließlich auch Windeln, und dank moderner Materialien ist ein Durchnässen nicht mehr zu befürchten: Satt und trocken!

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