Bissiges

Juni 1, 2008

Motivation

Intrinsische Motivation — das ist auch so ein schöner Bergriff aus der Pädagogik, der besagt, dass Kinder von Natur aus lernen wollen. Sie sind voller Neugier auf die Welt um sich herum und saugen das Wissen nur in sich hinein. Dies lässt sich durchaus an Kindern beobachten, jedoch eher selten in der Schule. Eher schon in Bezug auf Computerspiele bei den Jungen, Reiten und Pferde bei den Mädchen sowie die Bedienung und Funktionsweisen neuester Medien wie Handys, MP3-Player, DVD-Recorder, Spielekonsolen bei beiden Geschlechtern. Ähnliches gilt auch für die Nutzung sozialer Netzwerke wie SchülerVZ und wie sie alle heißen. Jeder 13-Jährige kennt sich hier mit größter Wahrscheinlichkeit besser aus als seine Eltern, geschweige denn seine Lehrer.
Wie schaffen es die Kinder und Jugendlichen, sich in dieser komplexen Welt der technischen Neuerungen so gut zurechtzufinden?

Ganz einfach: Es wird so lange ausprobiert, bis es klappt. Dieses Entdeckerpotenzial der Kinder auch für den Unterricht zu nutzen, das hat uns den sogenannten handlungsorientierten Unterricht in die Schulen gebracht. Es wird nun nicht mehr gelernt, sondern entdeckt und erforscht. Lernen soll gleichermaßen spielend einfach vor sich gehen und natürlich ständig Spaß machen. Was durchaus bei bestimmten Themen seine Berechtigung haben mag, führt im Einzelnen zu seltsamen Blüten: Im Matheunterricht werden Torten zerschnitten (und auch gegessen ?), um die Bruchrechnung zu vermitteln; im Fremdsprachenunterricht werden ganze Wagenladungen von Gegenständen mitgeschleppt, um die Schüler die neuen Vokabeln entdecken zu lassen; in Deutsch werden Sätze zerschnibbelt und zu Mobiles verbastelt, um die Stellung der Satzglieder erfahrbar zu machen. Überhaubt sind Schere und Klebstoff unverzichtbare Begleiter des handlungsorientierten Unterrichts.
So weit so gut. Aber wie geht es weiter mit der Festigung des Gelernten? Vokabeln und grammatische Begriffe müssen nun einmal regelmäßig wiederholt werden, damit sie sich auf Dauer, und nicht nur für kurze Zeit einprägen. Genauso muss Kopfrechnen geübt werden und die Rechenwege müssen beherrscht werden, denn wenn sie ständig neu abgeleitet werden müssten, dann käme man überhaupt nicht mehr vom Fleck. Kurz: Wiederholungen sind notwendig, und die machen nun einmal in der Regel keinen Spaß. Mit intrinsischer Motivation kommt man hier nicht weiter, denn die meisten müssen sich diesen Lernerfolg hart erarbeiten. Gäbe es die Wiederholungsschleifen vor den Arbeiten nicht und auch nicht den mit ihnen verbundenen äußeren Druck, der die Lernbemühungen der Schüler bzw. auch die diesbezügliche Unterstützung durch die Eltern oft erhöht, würde so manches im Unterricht Erarbeitete noch viel schneller dem Vergessen anheimfallen.
Wie ideologisch verbohrt dieses Thema jedoch gesehen wird, zeigen die Pläne des schleswig-holsteinischen Bildungsministeriums: Es ist geplant, im Fach Englisch bis einschließlich Klasse 6 alle Klassenarbeiten abzuschaffen, denn es soll nur noch der individuelle Fortschritt in die Wertung eingehen. Wir lernen also spielerisch, der Spaß steht schließlich im Vordergrund, und wenn man sich nur mit Händen und Füßen verständlich machen kann (Handlungsorientierung!), dann ist das Lernziel schon erreicht.

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März 17, 2007

Lieblingsbeschäftigungen

Filed under: Bewertung — laempel @ 9:35 pm

Auf dem Schreibtisch liegen zwei Heftstapel, einer blau einer rot. Klassenarbeiten. Sollten bald korrigiert werden.

Aber es gibt noch viel zu tun: Mails müssen abgefragt und beantwortet werden, außerdem gab es auf der Seite www.deutschunddeutlich.de doch so nützliche Arbeitsblätter für den Grammatikunterricht in der sechsten Klasse. Die müssen unbedingt eben schnell heruntergeladen und aufbereitet werden. Für die Lektüre von Christian Linkers „Heldenprojekt“ fehlt auch noch die zündende Idee für den Unterricht, also noch einmal googeln….

Ach, und dann sind da ja noch die Hefte …. Doch jetzt, da die Sonne so schön scheint, wird deutlich, dass die Fenster unbedingt geputzt werden müssen. Daher den Eimer gefüllt und ab nach draußen. Wo man schon einmal draußen ist — die Rasenkanten im Vorgarten müssen unbedingt abgestochen werden ….

Ach ja, da sind ja noch die Hefte …. Aber nach der Gartenarbeit muss man sich erst einmal einen kleinen Imbiss und einen Tee zum Aufwärmen gönnen. Außerdem liegt da noch die Tageszeitung, in die man beim Frühstück nur flüchtig hineingeschaut hatte, weil auf dem Schreibtisch schließlich die Hefte lagen ….

März 15, 2007

Lernpläne

Filed under: Bewertung,Schulpolitik — laempel @ 8:38 pm

Das Bildungsministerium von Schleswig-Holstein (der Titel ist eigentlich viel länger, ändert sich aber nach jeder Wahl…) hatte nach dem Pisa-Schock eine blendende Idee, wie die angeblich so hohe Sitzenbleiber-Quote verringert werden kann: Lernpläne.

Hört sich erst einmal gut an: Jedes (!) Kind soll entsprechend seiner Fähigkeiten gefördert werden, indem ein Lernplan aufgestellt wird (Nachdem erkannt wurde, wie unrealistisch dies ist, wurde die Gruppe eingegrenzt auf die besonders Begabten und die Gefährdeten). Darin wird festgehalten, was das Kind kann, was es bis zu einem bestimmten Zeitraum können sollte und mit welchen Mitteln dies erreicht werden kann. Indem der Lernplan nicht nur von Lehrerseite abgezeichnet wird, sondern auch von Eltern und Schülern wird daraus ein „Vertrag“, der dazu führen soll, dass vor allem die Schüler „Verantwortung für ihr eigenes Lernen“ übernehmen. Boah.

Das Dumme ist nur, dass Papier geduldig ist, vor allem, wenn es einen großen Aufwand kostet, es zu produzieren. Selbstverständlich reicht es nicht, dass man Absprachen mit Eltern und Schülern trifft, dass man als Klassenlehrer auch noch Kontakte zu den Fachlehrern vermittelt — nein, es sind hierzu noch Konferenzen mit dem entsprechenden Vorlauf notwendig, auf denen erst einmal der Bedarf festgestellt wird. Anschließend muss alles schriftlich ausformuliert, wiederum mit allen Beteiligten abgestimmt und in mehrfacher Ausfertigung kopiert und anschließend an den richtigen Stellen abgeheftet werden. So etwas können sich wirklich nur Leute ausdenken, die den ganzen Tag am Schreibtisch sitzen und dafür sorgen, dass der Weg eines Blattes Papier sich auch nach zehn Jahren noch minutiös rückverfolgen lässt.

Der subjektive Eindruck des Ministeriums, dass die Sitzenbleiberquote so verringert würde, mag sogar tatsächlich zutreffen. Aber doch sicher nicht dadurch, dass nun die Förderung so viel besser würde: Lehrer, die schon länger einen minimalistischen Kurs fahren, werden sich allein durch das Durchlaufen des formalen Prozesses darin bestärkt sehen, dass sie alles Menschenmögliche für die Betreffenden unternommen haben. Weitergehende Anstrengung in Bezug auf Förderung wären hier reine Glückssache. Und die, welche sich auch schon vorher für ihre Schüler eingesetzt haben, werden durch die Bürokratisierung eher ausgebremst: Der Tag hat nur vierundzwanzig Stunden, und wenn für das Verfassen und Verwalten von Papier ein Großteil davon beanspucht wird, bleibt für die eigentliche differenzierte Unterrichtsvorbereitung oder gezielte Fördermaßnahmen weniger übrig. Dass wohl weniger Schüler nicht versetzt werden, liegt eher an einem Selbstschutzmechanismus: Benote ich wirklich diese Arbeit mit „Mangelhaft“ und riskiere dafür langfristig, einen Lernplan schreiben zu müssen? Dann doch lieber die Kriterien aufweichen und dem Nachfolger das Problem überlassen….

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