Bissiges

Februar 4, 2008

Teamwork

Filed under: Arbeitsbedingungen,Mitmenschlichkeit — laempel @ 10:29 am
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…auch Zusammenarbeit genannt. Es wird immer wieder beklagt, dass dieses Wort für viele Lehrer ein Fremdwort sei. Dabei könnte man sich gegenseitig so gut entlasten, wenn nicht jeder immer das Rad für sich allein neu erfinden müsste.
Nach über einer Dekade Unterrichtszeit und anfänglichem, übertriebenem Enthusiasmus auf diesem Gebiet muss sich der Oberlehrer dem oben genannten Klagelied desillusioniert anschließen. Nicht dass Lehrer keine Fremdsprachen könnten — allein, sie neigen zu etwas kreativeren Übersetzungen und sind darin ihrer Klientel, den Schülern, keineswegs unähnlich. TEAM= Toll, Ein Andrer Macht’s!
Wenn es darum geht, Unterrichtsmaterial zu tauschen, so wird immer gern genommen. Der Rückfluss bleibt dann allerdings oft bescheiden. Ähnliches gilt für das gemeinsame Planen von Unterricht oder Klassenarbeiten, das meist so aussieht, dass einer (meist derselbe) einen Vorschlag ausarbeitet, den dann die anderen kommentarlos und unbesehen übernehmen. Nur im Anschluss darf man sich dann anhören: „Also, so wie du das geplant hattest, konnte das ja gar nicht funktionieren!“ — Schön, bloß hätte man diese „konstruktive“ Kritik dann nicht schon in der Planungsphase äußern können?
Schule ist also wie eine große Party: Es sind immer dieselben, die planen, vorbereiten und anschließend abwaschen. Alle anderen genießen Essen und Getränke, um sich dann hinterher zu beklagen, wie schlecht doch alles organisiert war. Warum sollten Lehrer es eigentlich besser können als der Rest der Menschheit?

Dezember 15, 2007

Autofahrende Eltern

Filed under: Eltern,Mitmenschlichkeit — laempel @ 11:56 pm

Wer Eltern auf dem Schulparkplatz erlebt hat, wird dieses Schild zu schätzen wissen. Zur Nachhahmung empfohlen!

Garantiefall

Filed under: Eltern,Marotten,Mitmenschlichkeit — laempel @ 10:51 pm
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Wir Lehrer klagen ja dauernd darüber, dass wir für alle Missstände dieser Welt verantwortlich gemacht werden, sei es, dass Kinder zu wenig trinken oder lesen, in der Schule überfordert sind oder keine Chancengerechtigkeit besteht. Ein kleiner Blick über den Tellerrand hilft, um zu erkennen, dass dieses Phänomen, nämlich die eigene Verantwortung auf andere abschieben zu wollen, wohl einen gesamtgesellschaftlichen Trend darstellt, und nicht nur die Lehrerschaft betrifft. Zu beobachten ist dies nämlich auch im Handel — wenn Ware zurückgegeben wird.

 

Neulich beim Computerhändler um die Ecke. Als der Oberlehrer den Laden betrat, um den Rechner des halbwüchsigen Sohnes zu Weihnachten erneut aufmotzen zu lassen, bemerkte er als Erstes den sehr gelassenen Inhaber, auf den eine wütende Kundin (offenbar Mutter eines Sohnes) heftigst und wenig freundlich einredete. Der Händler hielt einen Mausstecker in der Hand und mühte sich ab, die völlig verbogenen Kontakte wieder geradezurücken. Selbstverständlich lag es an der Maus, dass die Kontakte verbogen, als der Junge versuchte, sie einzustecken, und nicht daran, dass vielleicht doch vielleicht die Bemühungen etwas zu heftig waren …. (Merkwürdigerweise passte der Stecker jedoch einwandfrei in alle Geräte, nachdem er wieder zurechtgebogen war, was die gute Frau mit den Worten „Ich bin doch nicht blöd!“ quittierte.) Mit welcher Gelassenheit der Händler ihr die fünf (!) Euro zurückzahlte — bewundernswert. Es ist zu erwarten, dass, sollte diese Kundin oder deren Sohn jemals wieder diesen Laden betreten, die Ware nicht vorhanden oder erst nach mehreren Jahren wieder lieferbar sein wird. 😉

 

Der Oberlehrer musste unwillkürlich an einige frustrierende Elterngespräche der letzten Zeit denken. Selbstverständlich lag es nicht an den nicht gemachten Hausaufgaben oder gar an der Unkonzentriertheit des Kindes, wenn die Versetzung gefährdet war oder sogar verpasst wurde. Es lag auch nicht daran, dass sich die Eltern überhaupt nicht darum kümmerten, wie das Kind seine Freizeit verbrachte. Ohne Frage waren die unfähigen Lehrer schuld, die es nicht verstanden, den Stoff interessant zu vermitteln.

Auch wenn man manchmal wünschte, eine ähnliche Option wie der Computerhändler zu haben — im Interesse der Kinder wird man sich immer wieder mit solchen Eltern abmühen und versuchen über Hintertürchen und Umwege doch kleine Veränderungen zu erreichen.

Dezember 8, 2007

Ausnahmezustand

Filed under: Mitmenschlichkeit — laempel @ 6:40 pm
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Normalerweise interessiert sich keiner für Darry, weder für die kleine Grundschule, noch für die Kinder, die sie besuchen. Wenn aber eine psychisch kranke Mutter ihre fünf Kinder tötet und dieser Fall bundesweit Schlagzeilen macht, sind sie alle da. Und alle wissen sie, was hätte getan werden müssen, um diesen Fall zu verhindern. Dem Jugendamt wird vorgeworfen, nicht genau genug hingeschaut zu haben, sodass es sich verteidigen muss, die Kinder nicht bei der ersten Begegnung von der Mutter fortgenommen zu haben. Frau Merkel fordert medienwirksam eine „Kultur des Hinsehens“.

Der eigentliche Skandal wird dadurch vertuscht: Hier haben die Leute hingesehen. Obwohl die Familie erst kurze Zeit in dem Dorf wohnte, war das Jugenamt von der Schule informiert worden. Allerdings gibt es gar keine Infrastruktur mehr, die dieser alleinerziehenden Mutter hätte helfen können. Auf Kosten der Schwachen wird in diesem Bundesland seit Jahren gespart; die Jugendämter haben kaum Kapazitäten sich genügend um bedrohte Familien zu kümmern; für Hilfsmaßnahmen gibt es nur begrenzte Mittel.

Der Oberlehrer weiß, dass schon die Erziehung von zwei Kindern selbst eine intakte Familie an den Rand des Wahnsinns führen kann. Und nun alleinerziehend mit fünf Jungen, der älteste neun Jahre, ein weiterer leicht und einer offenbar schwer behindert. Welcher Übermensch soll das denn schaffen? Wäre es nicht möglich gewesen, hier eine Tagespflege zu vermitteln? Hätte hier nicht jeden Tag jemand dieser armen Frau unter die Arme greifen müssen?

Aber offenbar gibt es in diesem verarmten Land dafür keine Mittel. Wir geben lieber Elterngeld aus für gut situierte Familien, damit diese endlich wieder mehr Kinder bekommen. Wenn die Kinder dann da sind, muss man sich ja nicht mehr kümmern. Es gibt kaum Anlaufstellen und Hilfsmöglichkeiten für Familien in Not. Die in der benachbarten Kleinstadt einst existierende Familienberatungsstelle wurde wegen fehlender Zuschüsse eingestellt, ebenso die des Schulpsychologen, der einmal in der Woche (!) im dortigen Schulzentrum eine Sprechstunde anbot.

 

Jetzt sind sie natürlich alle da: Psychologen betreuen die Kinder an der betroffenen Grundschule und am Schulzentrum. Die Landesbischhöfin hält morgen einen Gedenkgottesdienst ab. Doch das hilft den toten Kindern nicht. Es wird auch denjenigen nicht helfen, die sich immer noch in prekären Lebenslagen befinden. Es wird auch den Lehrern nicht helfen, die die Probleme sehen und doch hilflos davorstehen, weil es kaum eine Möglichkeit gibt, Hilfe zu vermitteln. Es wird sich also nichts ändern; nur wenn das nächste Kind dann tot ist, werden sie alle wieder da sein.

November 26, 2007

Gedanken zum Totensonntag

Filed under: Mitmenschlichkeit — laempel @ 2:21 am
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… oder Ewigkeitssonntag, wie ihn der Pastor nannte. Das Monopol, sich würdig um die Verstorbenen und vor allem die Hinterbliebenen zu kümmern, hat der Kirche bisher noch keiner nehmen können. Imposante Räumlichkeiten mit umwerfender Akustik und opulenter Einrichtung sowie gleichermaßen eindringliche wie festgefügte Rituale halten den Trauernden fest, binden ihn in einen Rahmen.
Auch der Oberlehrer hat in diesem Jahr liebe Angehörige verloren, und so fand er sich nun in der Kirche wieder, um dieser Verstorbenen zu gedenken. Der Pasor versuchte den Anwesenden Mut zu machen: „Der Tod ist der Eingang zu dem wahren Leben. Gott nimmt uns zu sich und gibt uns einen geistlichen Leib. Sorgt euch nicht, denn die Verstorbenen sind in seiner gütigen Hand. Und findet Trost darin, dass es dereinst dort ein Wiedersehen geben wird.“
Ein Wiedersehen, und das für die Ewigkeit. Zunächst einmal scheint das sehr tröstlich. Endlich kann man den Lieben, die zu schnell gegangen sind, all das Unausgesprochene mitteilen, all die Fragen stellen, die noch offen geblieben sind, den letzten Streit beilegen, in dem man sich getrennt hat. Doch beim Weiterdenken kommen erste Zweifel: Wenn Gott allen ihre Sünden vergibt und sie bei sich aufnimmt, dann müsste man in diesem ewigen Reich auch all diejenigen treffen, die einem schon das Leben auf der Erde vergällt haben: Großväter, die ihre Familien noch bis in die Enkelgeneration terrorisiert haben; Geschwister, die beim Tode der Eltern wie die Heuschrecken über die Hinterlassenschaften hergefallen sind; den Schwager, der eine Cousine als Kind missbraucht hat, den Nachbarn, der einem jedes vom Baum gefallene Blatt wieder über die Hecke zurückgeworfen hat; Kollegen, die jede Gelegenheit genutzt haben, sich auf Kosten anderer zu profilieren … um hier nur einmal die harmloseren, eher alltäglichen Fälle zu nennen.
In der Ewigen Welt wird man diesen nicht ausweichen können. Vereint von einem Gütigen Gott, wird man mit diesen unangenehmen Zeitgenossen — und all denen, die sich schon seit Ewigkeiten dort angesammelt haben — zusammengeworfen sein. Im Gegensatz zum diesseitigen Leben kann man dann nicht mehr darauf hoffen, dass die Zeit hilfreich eingreift ….
Bei diesen Aussichten verzichtet der Oberlehrer doch lieber auf ein Weiterleben nach dem Tode — auch um seinen Schülern peinliche Szenen im Jenseits zu ersparen.

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