Bissiges

Juni 12, 2008

Autonome Lerner

Filed under: Schülerverhalten — laempel @ 9:01 pm
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Selbstgesteuertes, autonomes Lernen, das ist auch wieder eine Vorstellung, bei der jeder Oberpädagoge feuchte Augen bekommt: Nicht der Lehrer gibt Tempo, Reihenfolge und Umfang des zu lernenden Stoffes vor, sondern der Schüler organisiert seinen Lernprozess selbst, ausgehend von seinen eigenen Bedürfnissen. Kein ermüdendes Frage-Antwort-Spiel (auch „Unterrichtsgespräch genannt), auch keine künstlich erschaffenen Problemstellungen, sondern der Lernende stellt sich selbst die Fragen und löst sie dann im Anschluss. Das Ganze vorzugsweise in Gruppenarbeit, welche bekanntermaßen die Sozialkompetenz fördert (man bringt möglichst jemand anderes dazu, die ganze Arbeit zu machen, und heimst am Ende die Punkte dafür ein).

Nun aber zum selbstgesteuerten Lernen. Der Lehrer nehme eine englische Kurzgeschichte und lege sie den Schülern zur selbständigen Interpretation vor (die Königsdisziplin wäre, die Schüler selbst geeignete Texte finden zu lassen). Die erste Reaktion von Lieschen Müller oder Hänschen Meier wäre erwartetermaßen folgende: „Was ist das denn? Versteh ich nicht! Was soll ich nur tun?“ Damit hätten wir schon einmal die ersten wichtigen Fragen. Der ideale, selbstbestimmte Schüler würde sich nun, um den Text zu erschließen, die unbekannten Wörter markieren, sie nachschlagen und auch gleich Merklisten bzw. Vocab Sheets anlegen, um sie in seinen Wortschatz zu integrieren. Die Realität sieht aber meist anders aus: „Irgendwo muss es doch eine deutsche Übersetzung geben!“

Immerhin gelangt unser Schüler auf diese Weise zu einem gewissen Verständnis des Textes, woraufhin sich weitere Fragen stellen werden, deren Beantwortung dann zu einer tiefgehenden Interpretation führt. Der Schüler stellt also seine Fragen an den Text und entwickelt eine Strategie, diese zu beantworten. Ist die Aufgabe als Gruppenarbeit angelegt, werden innerhalb der Gruppe tiefschürfende Diskussionen um den richtigen Interpretationsansatz geführt. Dabei gilt es, kompetent auf zuvor Erlerntes (Stilmittel, Methoden der Textanalyse usw.) zurückzugreifen. Selbstverständlich plant er alle Arbeitsschritte zielgerichtet, nutzt die zur Verfügung gestellten Unterrichtsstunden effektiv und arbeitet auch zu Hause engagiert weiter, um dann am Ende das Erarbeitete in einer gelungenen Präsentation vorführen zu können.

Aber auch in Bezug auf diese Arbeitsschritte sieht die Realität meist anders aus: Die Unterrichtszeit wird in der Regel zum geselligen Beisammensein genutzt und zu Hause gibt es schließlich Besseres zu tun, als sich mit einer englischen Kurzgeschichte auseinanderzusetzen. So rückt denn der Abschlusstermin immer näher, woraufhin sich der Zeitdruck von Tag zu Tag mehr aufbaut und sich schließlich in einer überstürzten, meist gegen die verantwortliche Lehrkraft gerichteten Schockreaktion entlädt: „Das ist doch gar nicht zu schaffen! Wir sind hier nicht an der Uni! Was Sie schon wieder von uns erwarten!“ — Das wäre das noch eher freundlichere Feedback.

Selbst wenn eine Terminverlängerung vereinbart wird, so bleibt doch nur noch Zeit für die Notlösung: ein paar Mal kräftig googeln, gekonnt die Copy- und Paste-Tasten bedienen und ein zusammengeflicktes Konglomerat vor der Klasse vortragen, bei dem auch wirklich alle Zuhörer einschlafen, weil noch nicht einmal der Referent verstanden hat, wovon er redet.

Wenn der Lehrer nun wirklich autonom ist, dann lernt er aus solchen Episoden, dass die meisten Schüler noch mehr an die Hand genommen und beim Lernen geführt werden müssen, als so manchem Theoretiker lieb ist.

Juni 1, 2008

Motivation

Intrinsische Motivation — das ist auch so ein schöner Bergriff aus der Pädagogik, der besagt, dass Kinder von Natur aus lernen wollen. Sie sind voller Neugier auf die Welt um sich herum und saugen das Wissen nur in sich hinein. Dies lässt sich durchaus an Kindern beobachten, jedoch eher selten in der Schule. Eher schon in Bezug auf Computerspiele bei den Jungen, Reiten und Pferde bei den Mädchen sowie die Bedienung und Funktionsweisen neuester Medien wie Handys, MP3-Player, DVD-Recorder, Spielekonsolen bei beiden Geschlechtern. Ähnliches gilt auch für die Nutzung sozialer Netzwerke wie SchülerVZ und wie sie alle heißen. Jeder 13-Jährige kennt sich hier mit größter Wahrscheinlichkeit besser aus als seine Eltern, geschweige denn seine Lehrer.
Wie schaffen es die Kinder und Jugendlichen, sich in dieser komplexen Welt der technischen Neuerungen so gut zurechtzufinden?

Ganz einfach: Es wird so lange ausprobiert, bis es klappt. Dieses Entdeckerpotenzial der Kinder auch für den Unterricht zu nutzen, das hat uns den sogenannten handlungsorientierten Unterricht in die Schulen gebracht. Es wird nun nicht mehr gelernt, sondern entdeckt und erforscht. Lernen soll gleichermaßen spielend einfach vor sich gehen und natürlich ständig Spaß machen. Was durchaus bei bestimmten Themen seine Berechtigung haben mag, führt im Einzelnen zu seltsamen Blüten: Im Matheunterricht werden Torten zerschnitten (und auch gegessen ?), um die Bruchrechnung zu vermitteln; im Fremdsprachenunterricht werden ganze Wagenladungen von Gegenständen mitgeschleppt, um die Schüler die neuen Vokabeln entdecken zu lassen; in Deutsch werden Sätze zerschnibbelt und zu Mobiles verbastelt, um die Stellung der Satzglieder erfahrbar zu machen. Überhaubt sind Schere und Klebstoff unverzichtbare Begleiter des handlungsorientierten Unterrichts.
So weit so gut. Aber wie geht es weiter mit der Festigung des Gelernten? Vokabeln und grammatische Begriffe müssen nun einmal regelmäßig wiederholt werden, damit sie sich auf Dauer, und nicht nur für kurze Zeit einprägen. Genauso muss Kopfrechnen geübt werden und die Rechenwege müssen beherrscht werden, denn wenn sie ständig neu abgeleitet werden müssten, dann käme man überhaupt nicht mehr vom Fleck. Kurz: Wiederholungen sind notwendig, und die machen nun einmal in der Regel keinen Spaß. Mit intrinsischer Motivation kommt man hier nicht weiter, denn die meisten müssen sich diesen Lernerfolg hart erarbeiten. Gäbe es die Wiederholungsschleifen vor den Arbeiten nicht und auch nicht den mit ihnen verbundenen äußeren Druck, der die Lernbemühungen der Schüler bzw. auch die diesbezügliche Unterstützung durch die Eltern oft erhöht, würde so manches im Unterricht Erarbeitete noch viel schneller dem Vergessen anheimfallen.
Wie ideologisch verbohrt dieses Thema jedoch gesehen wird, zeigen die Pläne des schleswig-holsteinischen Bildungsministeriums: Es ist geplant, im Fach Englisch bis einschließlich Klasse 6 alle Klassenarbeiten abzuschaffen, denn es soll nur noch der individuelle Fortschritt in die Wertung eingehen. Wir lernen also spielerisch, der Spaß steht schließlich im Vordergrund, und wenn man sich nur mit Händen und Füßen verständlich machen kann (Handlungsorientierung!), dann ist das Lernziel schon erreicht.

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