Bissiges

November 15, 2013

Die Schüler abholen …

Filed under: Schülerverhalten,Unterricht — laempel @ 5:59 pm
Tags:

Ja wo sind sie denn? Anna ist in Gedanken bei dem Chat mit ihrem Freund aus der Oberstufe, den sie wegen des Klingelns abbrechen musste. Mike liegt mit dem Kopf auf dem Tisch, offenbar übermüdet von der nächtlichen Orgie an der Videokonsole und über die Hälfte meldet sich bei der Hausaufgabenabfrage: „Ich wusste nicht, was wir machen sollten.“ Die andere Hälfte ist so ehrlich und gibt zu, dass sie die Aufgabe vergessen, also keine Lust gehabt hat.

Als Lehrer soll man die Schüler „da abholen, wo sie stehen“. Das ist eine dieser vom Studium über Referendariat bis zu Fortbildungsveranstaltungen so oft wiederholten Sätze, dass er inzwischen bei nicht wenigen allergische Reaktionen auslöst (geht diese Phrase eigentlich auf Hilbert Meyer zurück?). Allerdings merkwürdig, dass noch niemandem der Widerspruch zur gleichfalls geltenden Doktrin des selbständigen Lernens ins Auge gefallen ist. Beim Abholen nehme ich die Schüler an die Hand und führe sie da hin, wo sie gehen sollen. Und offenbar erwarten sie genau das. Zurückgelehnt in Konsumentenhaltung wird alles abgelehnt, was mehr Anstrengung als einen Mausklick erfordert. Wäre es zur Abwechslung nicht mal vielversprechender, wenn sich unsere Schülerchen selbst in Bewegung setzen und eigene Anstrengungen unternehmen würden, sich dem Lerngegenstand zu nähern?

(OK, OK, es gibt auch andere und dann macht das Unterrichten Spaß, aber wenn sich in einer Klasse eine kritische Masse an Konsumenten — in Verbindung mit den passenden Eltern — befindet, dann wird es schwierig. Es stellt sich ein Gefühl ein, als ob man versucht, den Grand Canyon hinaufzuschwimmen, wobei von oben immer wieder Felsbrocken in die Strömung geworfen werden.)

Advertisements

Juni 1, 2008

Motivation

Intrinsische Motivation — das ist auch so ein schöner Bergriff aus der Pädagogik, der besagt, dass Kinder von Natur aus lernen wollen. Sie sind voller Neugier auf die Welt um sich herum und saugen das Wissen nur in sich hinein. Dies lässt sich durchaus an Kindern beobachten, jedoch eher selten in der Schule. Eher schon in Bezug auf Computerspiele bei den Jungen, Reiten und Pferde bei den Mädchen sowie die Bedienung und Funktionsweisen neuester Medien wie Handys, MP3-Player, DVD-Recorder, Spielekonsolen bei beiden Geschlechtern. Ähnliches gilt auch für die Nutzung sozialer Netzwerke wie SchülerVZ und wie sie alle heißen. Jeder 13-Jährige kennt sich hier mit größter Wahrscheinlichkeit besser aus als seine Eltern, geschweige denn seine Lehrer.
Wie schaffen es die Kinder und Jugendlichen, sich in dieser komplexen Welt der technischen Neuerungen so gut zurechtzufinden?

Ganz einfach: Es wird so lange ausprobiert, bis es klappt. Dieses Entdeckerpotenzial der Kinder auch für den Unterricht zu nutzen, das hat uns den sogenannten handlungsorientierten Unterricht in die Schulen gebracht. Es wird nun nicht mehr gelernt, sondern entdeckt und erforscht. Lernen soll gleichermaßen spielend einfach vor sich gehen und natürlich ständig Spaß machen. Was durchaus bei bestimmten Themen seine Berechtigung haben mag, führt im Einzelnen zu seltsamen Blüten: Im Matheunterricht werden Torten zerschnitten (und auch gegessen ?), um die Bruchrechnung zu vermitteln; im Fremdsprachenunterricht werden ganze Wagenladungen von Gegenständen mitgeschleppt, um die Schüler die neuen Vokabeln entdecken zu lassen; in Deutsch werden Sätze zerschnibbelt und zu Mobiles verbastelt, um die Stellung der Satzglieder erfahrbar zu machen. Überhaubt sind Schere und Klebstoff unverzichtbare Begleiter des handlungsorientierten Unterrichts.
So weit so gut. Aber wie geht es weiter mit der Festigung des Gelernten? Vokabeln und grammatische Begriffe müssen nun einmal regelmäßig wiederholt werden, damit sie sich auf Dauer, und nicht nur für kurze Zeit einprägen. Genauso muss Kopfrechnen geübt werden und die Rechenwege müssen beherrscht werden, denn wenn sie ständig neu abgeleitet werden müssten, dann käme man überhaupt nicht mehr vom Fleck. Kurz: Wiederholungen sind notwendig, und die machen nun einmal in der Regel keinen Spaß. Mit intrinsischer Motivation kommt man hier nicht weiter, denn die meisten müssen sich diesen Lernerfolg hart erarbeiten. Gäbe es die Wiederholungsschleifen vor den Arbeiten nicht und auch nicht den mit ihnen verbundenen äußeren Druck, der die Lernbemühungen der Schüler bzw. auch die diesbezügliche Unterstützung durch die Eltern oft erhöht, würde so manches im Unterricht Erarbeitete noch viel schneller dem Vergessen anheimfallen.
Wie ideologisch verbohrt dieses Thema jedoch gesehen wird, zeigen die Pläne des schleswig-holsteinischen Bildungsministeriums: Es ist geplant, im Fach Englisch bis einschließlich Klasse 6 alle Klassenarbeiten abzuschaffen, denn es soll nur noch der individuelle Fortschritt in die Wertung eingehen. Wir lernen also spielerisch, der Spaß steht schließlich im Vordergrund, und wenn man sich nur mit Händen und Füßen verständlich machen kann (Handlungsorientierung!), dann ist das Lernziel schon erreicht.

März 17, 2008

Projektlernen

Seit über zehn Jahren schlagen sich nicht nur wir Lehrer, sondern auch die Schüler in Schleswig-Holstein mit dem so genannten Methodenunterricht (VU=Vertiefender Unterricht) und den Projektkursen (PU) herum. In jeweils zwei Stunden losgelöst vom Fachunterricht sollen „Schlüsselqualifikationen“, so genannte „Kompetenzen“, erworben werden. (In der „Kompetenzorientierung“ nimmt unser Bundesland sowieso eine Schlüsselrolle ein.) Fachliche Kenntnisse sind dabei bekanntermaßen nur eine Kompetenz unter vieren und der hehre Glaube war wohl, dass diese sich schon einstellen würden, wenn nur Selbst-, Sozial- und Methodenkompetenz beherrscht würden.

Als besonders ergiebig hat sich dies nicht erwiesen, was auch keinen direkt an Schule Beteiligten je überrascht hat. Zum einen treten in Bezug auf Teamwork bei Schülern genau die gleichen Mechanismen in Kraft, wie sie hier schon an anderer Stelle in Bezug auf die Zusammenarbeit von Lehrkräften beschrieben wurden. Zum anderen ist es wohl illusorisch anzunehmen, dass Schüler bei einem Fach, in dem keine Klausuren geschrieben werden und das auch nicht ins Abitur eingebracht werden muss, über ein ganzes Semester unter laufendem Klausurendruck der anderen Fächer kontinuierlichen eigenverantwortlichen Einsatz zeigen und dies mit einer gelungenen Präsentation krönen. (Es kommt vor, bleibt aber eher die Ausnahme.) Vielmehr werden die Stunden eher zum Relaxen genutzt. Stehen dann auch noch Computer für die Internetrecherche zur Verfügung, umso besser. Nimmt der Lehrer in diesen Stunden seine Erziehungsaufgabe ernst, so hat er alle Hände damit voll zu tun, dass wenigstens sinnvolle Internetseiten angesteuert werden. Die meisten Kollegen machen es sich da leichter, indem sie nicht so genau hinschauen….

Die zu erbringenden Abschlusspräsentationen werden dann in kürzester Zeit zusammengestoppelt, sodass die Ergebnisse in der Regel ein höchstens durchschnittliches Niveau erreichen. Dies führt natürlich dann auch zu Schwierigkeiten in der Bewertung, denn von Schülerseite wird der Anspruch erhoben, dass eine wie auch immer geartete Präsentation schon per se eine gute Leistung sei. Diskussionen mit Schülern, welche die meiste Zeit in das Aufhübschen ihres dürftigen Materials mit Power Point gesteckt haben und nun dafür eine brilliante Note erwarten, verlaufen häufig unerfreulich. Will man dann auch noch differenzierte Noten für Einzelleistungen geben, gestaltet sich die Bewertung für die Lehrkraft sehr aufwendig, da in jedem Einzelfall der Lern- und Rechercheprozess nachvollzogen werden muss, um zu einer gerechten Beurteilung zu gelangen (schließlich ist Schüler ja im „Team“ zu seinen Ergebnissen gekommen). Auch wieder eine Arbeit, die sich nicht alle Kollegen antun, sodass sich die Bewertungen dann alle zwischen elf und neun Punkten bewegen, um sich ja nicht angreifbar zu machen.

Anscheinend haben nun auch die Bildungsverantwortlichen von Schleswig-Holstein ein Einsehen. In der neuen Profiloberstufe, die im nächsten Jahr eingeführt wird, sind zwar noch so genannte „Seminarstunden“ vorgesehen — diese können aber auch zur Verstärkung des Fachunterrichts eingesetzt werden, was sich sicher kaum eine Schule entgehen lassen wird. Umso erstaunter war ich, als ich bei JochenEnglish las, dass in Bayern jetzt ganz neu ein Seminarfach eingeführt wird. Liebe Bayern, in diesem Fall hättet ihr tatsächlich einmal etwas von uns Schleswig-Holsteinern lernen können! (Sonst sind wir es doch eigentlich, die die abgelegten Hüte aus den anderen Bundesländern übernehmen, wie z.B. die zur „Gemeinschaftsschule“ umbenannte Gesamtschule.) Trotzdem viel Spaß beim Kompetenzerwerb! 🙂

Bloggen auf WordPress.com.