Bissiges

März 19, 2013

Sponsoring

Alle Welt regt sich über Ärzte auf, deren Kongresse und Fortbildungen von der Pharmaindustrie gefördert werden. Und nicht erst seit  den unseligen Vorgängen um unseren Ex-Bundespräsidenten wird  Politikern generell unterstellt, dass sie sich von Lobbyisten aushalten lassen. Man sollte also meinen, dass alles unternommen würde, damit Lehrer von Werbe-Aktivitäten unabhängig bleiben. Schließlich ist Werbung aus der Schule herauszuhalten.

In einer idealen Welt wäre dies der Fall, doch die Tendenz geht seit längerem in die entgegengesetzte Richtung. Dass Lehrer von Frei-Exemplaren und Prüfangeboten der Verlage profitieren, ist noch die harmloseste Form von Marketing. Immerhin kann man selbst entscheiden, von welchem Verlag man die Angebote annimmt. Bedenklicher ist schon, dass die großen Schulbuchverlage in den letzten Jahren verstärkt Fortbildungsangebote zu lehrplanrelevanten Themen anbieten. Hier wird — analog zu den oben erwähnten Ärztekongressen, nur nicht ganz so luxuriös — zu kostenlosen Tagungen eingeladen, auf denen die entsprechenden Medien des Verlags und deren Einsatz im Unterricht vorgestellt werden.

Letztlich weiß man jedoch als Teilnehmer, worauf man sich hier einlässt. Keiner erwartet auf einer solchen Veranstaltung, dass auch die ebenso guten Produkte des Konkurrenzverlags präsentiert werden. Wenn man also diese Gelegenheit nutzt, um sich einen Einblick in ein Thema zu verschaffen und möglichst mit Ansichtsexemplaren der Materialien versorgt nach Hause zu gehen, ist es nicht sonderlich problematisch, solange man für Alternativen und unabhängige Materialien offen bleibt. Das größte Problem besteht darin, dass diese Veranstaltungen auf eine so große Resonanz zu stoßen scheinen, dass sie sich für die Verlage lohnen. Immerhin stehen sie in Konkurrenz zu den öffentlichen Fortbildungsangeboten, die längst nicht alle ausgebucht sind. Liegt das nun an der Qualität oder an der Abstaubermentalität der Lehrkräfte?

Zumindest das IQSH in Schleswig-Holstein ist offenbar der Meinung, dass es mit Hilfe der Verlage die Qualität seiner Fortbildungsangebote steigern kann. Wie sonst ist es zu erklären, dass es sich — zumindest im Fachbereich Englisch — immer wieder Verlagsvertreter ins Haus holt, sodass sich eine Fortbildung z.B. mit dem Titel „Einsatz von Medien im Englischunterricht“ als Buchvorstellung entpuppt, in der vom Autor oder einem Verlagsreferenten ein Lehrwerk eines bestimmten Verlages vorgestellt wird. Die Rolle des IQSH-Referenten besteht darin, zu Beginn den Gast zu begrüßen, sich abschließend zu bedanken und auf die Materialien des Verlags hinzuweisen. Weitergehende Informationen zu diesem Thema, eine kritische Auseinandersetzung mit dem Material oder gar Aufzeigen möglicher Alternativen — Fehlanzeige.

Dass diese Veranstaltungen  ernsthaft als Fortbildungen angeboten werden, wirft ein interessantes Licht auf den Stellenwert, den Weiterbildung von ganz offizieller Seite aus im Lehrerberuf einnimmt: Die Qualität ist egal, Hauptsache wir bieten überhaupt etwas an. Dafür, dass sie sich einen Überblick über ein Thema verschaffen, haben die Lehrkräfte selbst zu sorgen.

März 31, 2008

Fortbildung

Filed under: Arbeitsbedingungen,Schulpolitik — laempel @ 9:56 pm
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Schon als gemeines Mitglied des Lehrkörpers kommt man aus dem Stöhnen nicht mehr heraus, fühlt sich von der Reformeritis der Bildungsbürokratie im vierteljährlichen Rhythmus immer wieder ins kalte Wasser der Neuerungen geworfen und hat dabei Mühe und Not, den Kopf sicher über Wasser zu halten. Der Wunsch nach angemessenen Fortbildungen verhallt ungehört bzw. wird zynisch damit abgetan, man werde schließlich wie ein Manager bezahlt, dann müsse man sich die nötigen Kenntnisse auch eigenverantwortlich aneignen. Oder die Lehrerschaft wird zu Pflichtveranstaltungen bestellt (jetzt aktuell in Schleswig-Holstein „Englisch Kontinuum“ — Übergang vom Grundschulenglisch zur Sekundarstufe), die dann aber nicht über Allgemeinplätze hinausgehen, wie „In einem guten Englischunterricht wird sinnvoll kommuniziert“.

Interessant war in dieser Beziehung die Sendung PISAplus des Deutschlandfunks am letzten Samstag, in der es um die Qualifikation von Schulleitern ging. Darauf, dass man in dieser Position die Rolle einer eierlegenden Wollmilchsau ausfüllen muss (repräsentieren, akquirieren, koordinieren, kommunizieren, inspirieren, evaluieren, disziplinieren — und das alles bei einer anspruchsvollen Klientel, wobei die individualistischen Lehrkräfte nicht zu den einfachsten Vertretern gehören), wird man praktisch nicht vorbereitet. Die von den Dienstherren angebotenen Fortbildungen erschöpfen sich in der Regel in Schulungen in Bezug auf Schulrecht und Organisationsstrukturen. Die Fortbildungsmisere erreicht hier einen Höhepunkt; Schulleiter, die sich konkret auf ihre Position vorbereiten wollen, sind hier in der Regel auf Angebote der freien Wirtschaft angewiesen. Zudem sind die Anforderungen bei häufig unattraktiven Bedingungen dermaßen gewachsen, dass sich kaum noch Bewerber finden. (Hier die Links zur Sendung: Direktorensuche, Schulleiter-Tandem)

Dass viele Schulleiter es deshalb nicht schaffen, ihre Schule zu führen, sondern das Kollegium mit endlosen Monologen in Konferenzen langweilen (wie hier im Lehrerzimmer immer wieder eindrucksvoll dargestellt) oder nach dem Prinzip „Teile und herrsche“ ein Klima des Misstrauens aufbauen oder durch selbstherrliches Gehabe die Elternschaft gegen sich aufbringen, das mag dann weniger verwundern als die Tatsache, dass es trotz allem viele Schulleiter gibt, die „ihre“ Schule als Projekt begreifen und es schaffen, alle Beteiligten für die engagierte Weiterentwicklung der Schule zu gewinnen.

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