Bissiges

März 17, 2008

Projektlernen

Seit über zehn Jahren schlagen sich nicht nur wir Lehrer, sondern auch die Schüler in Schleswig-Holstein mit dem so genannten Methodenunterricht (VU=Vertiefender Unterricht) und den Projektkursen (PU) herum. In jeweils zwei Stunden losgelöst vom Fachunterricht sollen „Schlüsselqualifikationen“, so genannte „Kompetenzen“, erworben werden. (In der „Kompetenzorientierung“ nimmt unser Bundesland sowieso eine Schlüsselrolle ein.) Fachliche Kenntnisse sind dabei bekanntermaßen nur eine Kompetenz unter vieren und der hehre Glaube war wohl, dass diese sich schon einstellen würden, wenn nur Selbst-, Sozial- und Methodenkompetenz beherrscht würden.

Als besonders ergiebig hat sich dies nicht erwiesen, was auch keinen direkt an Schule Beteiligten je überrascht hat. Zum einen treten in Bezug auf Teamwork bei Schülern genau die gleichen Mechanismen in Kraft, wie sie hier schon an anderer Stelle in Bezug auf die Zusammenarbeit von Lehrkräften beschrieben wurden. Zum anderen ist es wohl illusorisch anzunehmen, dass Schüler bei einem Fach, in dem keine Klausuren geschrieben werden und das auch nicht ins Abitur eingebracht werden muss, über ein ganzes Semester unter laufendem Klausurendruck der anderen Fächer kontinuierlichen eigenverantwortlichen Einsatz zeigen und dies mit einer gelungenen Präsentation krönen. (Es kommt vor, bleibt aber eher die Ausnahme.) Vielmehr werden die Stunden eher zum Relaxen genutzt. Stehen dann auch noch Computer für die Internetrecherche zur Verfügung, umso besser. Nimmt der Lehrer in diesen Stunden seine Erziehungsaufgabe ernst, so hat er alle Hände damit voll zu tun, dass wenigstens sinnvolle Internetseiten angesteuert werden. Die meisten Kollegen machen es sich da leichter, indem sie nicht so genau hinschauen….

Die zu erbringenden Abschlusspräsentationen werden dann in kürzester Zeit zusammengestoppelt, sodass die Ergebnisse in der Regel ein höchstens durchschnittliches Niveau erreichen. Dies führt natürlich dann auch zu Schwierigkeiten in der Bewertung, denn von Schülerseite wird der Anspruch erhoben, dass eine wie auch immer geartete Präsentation schon per se eine gute Leistung sei. Diskussionen mit Schülern, welche die meiste Zeit in das Aufhübschen ihres dürftigen Materials mit Power Point gesteckt haben und nun dafür eine brilliante Note erwarten, verlaufen häufig unerfreulich. Will man dann auch noch differenzierte Noten für Einzelleistungen geben, gestaltet sich die Bewertung für die Lehrkraft sehr aufwendig, da in jedem Einzelfall der Lern- und Rechercheprozess nachvollzogen werden muss, um zu einer gerechten Beurteilung zu gelangen (schließlich ist Schüler ja im „Team“ zu seinen Ergebnissen gekommen). Auch wieder eine Arbeit, die sich nicht alle Kollegen antun, sodass sich die Bewertungen dann alle zwischen elf und neun Punkten bewegen, um sich ja nicht angreifbar zu machen.

Anscheinend haben nun auch die Bildungsverantwortlichen von Schleswig-Holstein ein Einsehen. In der neuen Profiloberstufe, die im nächsten Jahr eingeführt wird, sind zwar noch so genannte „Seminarstunden“ vorgesehen — diese können aber auch zur Verstärkung des Fachunterrichts eingesetzt werden, was sich sicher kaum eine Schule entgehen lassen wird. Umso erstaunter war ich, als ich bei JochenEnglish las, dass in Bayern jetzt ganz neu ein Seminarfach eingeführt wird. Liebe Bayern, in diesem Fall hättet ihr tatsächlich einmal etwas von uns Schleswig-Holsteinern lernen können! (Sonst sind wir es doch eigentlich, die die abgelegten Hüte aus den anderen Bundesländern übernehmen, wie z.B. die zur „Gemeinschaftsschule“ umbenannte Gesamtschule.) Trotzdem viel Spaß beim Kompetenzerwerb! 🙂

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2 Kommentare »

  1. nee, also das kann man auch anders machen.
    Der Methodenkurs ist in meinen Augen in der Tat merkwürdig. Warum macht man diesen Kurs so spät im 11. Jahrgang?? Das sollte man früher und am besten in einem schulinternen Methodencurriculum immer wieder auf einander aufbauend machen. Damit dann spätestens in der 10. ein echtes Fundament da ist!
    Im Projektkurs hingegen kann es echt spannende Projekt geben. Da hängt es viel am Projektstart (kriegt man die Gruppe unter einen Hut) und trägt das Thema über ein halbes Jahr. Die 13ner haben nun mal auch Abitur und sind es nicht gewohnt ein halbes Jahr an einem Thema zu arbeiten bzw. für ein Thema Interesse aufzubauen…

    Kommentar von Timo — März 17, 2008 @ 11:27 pm | Antwort

  2. „Warum macht man diesen Kurs so spät im 11. Jahrgang?? Das sollte man früher und am besten in einem schulinternen Methodencurriculum immer wieder auf einander aufbauend machen. Damit dann spätestens in der 10. ein echtes Fundament da ist!“

    So passiert es jetzt ja auch. Man hätte das aber auch schon vor zehn Jahren wissen können….
    Zum Projektkurs: Es ist wesentlich sinnvoller, Projekte an den Fachunterricht anzubinden. Dann ist es zum einen möglich, die verschiedenen Interessen des Kurses zu berücksichtigen (z.B. Vertiefung bestimmter Themenbereiche) und man ist flexibler in der Zeitgestaltung: Für die Recherchephase, die sich durchaus über einige Wochen hinziehen kann, wird z.B. weniger Unterrichtszeit benötigt als in der Endphase, in der die Präsentation oder das Produkt vorbereitet werden.

    Kommentar von laempel — März 18, 2008 @ 9:56 pm | Antwort


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