Bissiges

Dezember 8, 2007

Ausnahmezustand

Filed under: Mitmenschlichkeit — laempel @ 6:40 pm
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Normalerweise interessiert sich keiner für Darry, weder für die kleine Grundschule, noch für die Kinder, die sie besuchen. Wenn aber eine psychisch kranke Mutter ihre fünf Kinder tötet und dieser Fall bundesweit Schlagzeilen macht, sind sie alle da. Und alle wissen sie, was hätte getan werden müssen, um diesen Fall zu verhindern. Dem Jugendamt wird vorgeworfen, nicht genau genug hingeschaut zu haben, sodass es sich verteidigen muss, die Kinder nicht bei der ersten Begegnung von der Mutter fortgenommen zu haben. Frau Merkel fordert medienwirksam eine „Kultur des Hinsehens“.

Der eigentliche Skandal wird dadurch vertuscht: Hier haben die Leute hingesehen. Obwohl die Familie erst kurze Zeit in dem Dorf wohnte, war das Jugenamt von der Schule informiert worden. Allerdings gibt es gar keine Infrastruktur mehr, die dieser alleinerziehenden Mutter hätte helfen können. Auf Kosten der Schwachen wird in diesem Bundesland seit Jahren gespart; die Jugendämter haben kaum Kapazitäten sich genügend um bedrohte Familien zu kümmern; für Hilfsmaßnahmen gibt es nur begrenzte Mittel.

Der Oberlehrer weiß, dass schon die Erziehung von zwei Kindern selbst eine intakte Familie an den Rand des Wahnsinns führen kann. Und nun alleinerziehend mit fünf Jungen, der älteste neun Jahre, ein weiterer leicht und einer offenbar schwer behindert. Welcher Übermensch soll das denn schaffen? Wäre es nicht möglich gewesen, hier eine Tagespflege zu vermitteln? Hätte hier nicht jeden Tag jemand dieser armen Frau unter die Arme greifen müssen?

Aber offenbar gibt es in diesem verarmten Land dafür keine Mittel. Wir geben lieber Elterngeld aus für gut situierte Familien, damit diese endlich wieder mehr Kinder bekommen. Wenn die Kinder dann da sind, muss man sich ja nicht mehr kümmern. Es gibt kaum Anlaufstellen und Hilfsmöglichkeiten für Familien in Not. Die in der benachbarten Kleinstadt einst existierende Familienberatungsstelle wurde wegen fehlender Zuschüsse eingestellt, ebenso die des Schulpsychologen, der einmal in der Woche (!) im dortigen Schulzentrum eine Sprechstunde anbot.

 

Jetzt sind sie natürlich alle da: Psychologen betreuen die Kinder an der betroffenen Grundschule und am Schulzentrum. Die Landesbischhöfin hält morgen einen Gedenkgottesdienst ab. Doch das hilft den toten Kindern nicht. Es wird auch denjenigen nicht helfen, die sich immer noch in prekären Lebenslagen befinden. Es wird auch den Lehrern nicht helfen, die die Probleme sehen und doch hilflos davorstehen, weil es kaum eine Möglichkeit gibt, Hilfe zu vermitteln. Es wird sich also nichts ändern; nur wenn das nächste Kind dann tot ist, werden sie alle wieder da sein.

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1 Kommentar »

  1. Auf diese Zeilen bin ich erst jetzt gestoßen, zufällig – nach 7 Jahren. Weil ich nach Darry mal gegoogelt habe, weil ich möglicherweise dort wohnen möchte. Der Schreiber hat genau die richtigen Worte gefunden! Der ganze Vorfall ist einfach nur schrecklich, aber nicht ungewöhnlich in unserem ärmlichen Land!

    Kommentar von Harald — März 21, 2015 @ 7:02 pm | Antwort


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