Bissiges

März 15, 2007

Lernpläne

Filed under: Bewertung,Schulpolitik — laempel @ 8:38 pm

Das Bildungsministerium von Schleswig-Holstein (der Titel ist eigentlich viel länger, ändert sich aber nach jeder Wahl…) hatte nach dem Pisa-Schock eine blendende Idee, wie die angeblich so hohe Sitzenbleiber-Quote verringert werden kann: Lernpläne.

Hört sich erst einmal gut an: Jedes (!) Kind soll entsprechend seiner Fähigkeiten gefördert werden, indem ein Lernplan aufgestellt wird (Nachdem erkannt wurde, wie unrealistisch dies ist, wurde die Gruppe eingegrenzt auf die besonders Begabten und die Gefährdeten). Darin wird festgehalten, was das Kind kann, was es bis zu einem bestimmten Zeitraum können sollte und mit welchen Mitteln dies erreicht werden kann. Indem der Lernplan nicht nur von Lehrerseite abgezeichnet wird, sondern auch von Eltern und Schülern wird daraus ein „Vertrag“, der dazu führen soll, dass vor allem die Schüler „Verantwortung für ihr eigenes Lernen“ übernehmen. Boah.

Das Dumme ist nur, dass Papier geduldig ist, vor allem, wenn es einen großen Aufwand kostet, es zu produzieren. Selbstverständlich reicht es nicht, dass man Absprachen mit Eltern und Schülern trifft, dass man als Klassenlehrer auch noch Kontakte zu den Fachlehrern vermittelt — nein, es sind hierzu noch Konferenzen mit dem entsprechenden Vorlauf notwendig, auf denen erst einmal der Bedarf festgestellt wird. Anschließend muss alles schriftlich ausformuliert, wiederum mit allen Beteiligten abgestimmt und in mehrfacher Ausfertigung kopiert und anschließend an den richtigen Stellen abgeheftet werden. So etwas können sich wirklich nur Leute ausdenken, die den ganzen Tag am Schreibtisch sitzen und dafür sorgen, dass der Weg eines Blattes Papier sich auch nach zehn Jahren noch minutiös rückverfolgen lässt.

Der subjektive Eindruck des Ministeriums, dass die Sitzenbleiberquote so verringert würde, mag sogar tatsächlich zutreffen. Aber doch sicher nicht dadurch, dass nun die Förderung so viel besser würde: Lehrer, die schon länger einen minimalistischen Kurs fahren, werden sich allein durch das Durchlaufen des formalen Prozesses darin bestärkt sehen, dass sie alles Menschenmögliche für die Betreffenden unternommen haben. Weitergehende Anstrengung in Bezug auf Förderung wären hier reine Glückssache. Und die, welche sich auch schon vorher für ihre Schüler eingesetzt haben, werden durch die Bürokratisierung eher ausgebremst: Der Tag hat nur vierundzwanzig Stunden, und wenn für das Verfassen und Verwalten von Papier ein Großteil davon beanspucht wird, bleibt für die eigentliche differenzierte Unterrichtsvorbereitung oder gezielte Fördermaßnahmen weniger übrig. Dass wohl weniger Schüler nicht versetzt werden, liegt eher an einem Selbstschutzmechanismus: Benote ich wirklich diese Arbeit mit „Mangelhaft“ und riskiere dafür langfristig, einen Lernplan schreiben zu müssen? Dann doch lieber die Kriterien aufweichen und dem Nachfolger das Problem überlassen….

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