Bissiges

Oktober 5, 2009

Markieren

Gespeichert unter: Schülerverhalten — laempel @ 10:11
Tags:

Als Hundebesitzer lächelt man gern auf sein geliebtes Pelztier hinab, wenn man beobachtet, wie es durch Duftmarken das eigene Territorium markiert. Einmal das Bein gehoben und die Nachricht „Ich war hier“ ist für alle nachfolgenden Hunde bis zum nächsten Regen deutlich lesbar.

Wir Menschen sind über dieses primitive Verhalten selbstverständlich weit hinaus. Wer von uns muss schon noch ein Revier abstecken — und überhaupt, mit Urin! Zugegeben, Letzteres ist in menschlichen Kreisen aus der Mode gekommen (auch wenn noch nicht alle dies mitbekommen haben); der Mensch hat eine kultiviertere Methode gefunden, anderen sein Sein kundzutun: eine Nachricht in Schriftform.

Zu besonders großer Kunst bringen es hier Schüler, wie der gelegentliche Blick auf deren Pulte zeigt: „Latein ist Scheiße“; „P.B. war hier“; „Death Metal“ und was der kryptischen Bemerkungen mehr sind. Wird dies eigentlich als besondere Kunstform anerkannt? In jedem Fall sind solche Nachrichten dauerhafter als Urin ….

April 30, 2009

Exkursionen

In Schleswig-Holstein heißen Exkursionen seit einiger Zeit nicht mehr Exkursionen, sondern sie haben einen anderen Namen bekommen: Lernen am anderen Ort. Diesem Anspruch gerecht zu werden ist allerdings die hohe Kunst der Organisation eines Klassenausflugs.

Zwecks Motivation und Handlungsorientierung bucht Lehrkraft  den Bus zu den entsprechenden historischen/kulturellen/naturwissenschaftlichen Museen/Denkmälern/Ausstellungen (Unzutreffendes bitte streichen bzw. Fehlendes ergänzen), verzichtet dabei auf zentrale Führungen, sondern versorgt die Schüler mit selbst erstellten Aufgabenblättern, anhand derer die Einrichtungen selbstständig erkundet werden können. Voller Erwartung geht es los; beim Eintritt kann sich die Lehrkraft nicht eines leisen Lächelns erwehren ob der Schüler, die sich zielstrebig einzeln oder in kleinen Gruppen in der Ausstellung verteilen und an die Arbeit machen. Auf einen reichen Ertrag hoffend, blickt man den jungen Menschen wohlwollend hinterher.

Die stolz geschwellte Brust ob des eigenen Engagements und der guten Vorbereitung fällt jedoch schnell beim näheren Beobachten der Schüler in sich zusammen: Der eine zückt ein Fotohandy, die andere eine Digitalkamera, um Austellungsgegenstände und Texte abzufotografieren. Getreu dem Motto: Was ich im Kasten habe, kann ich getrost nach Hause tragen.

Juni 12, 2008

Autonome Lerner

Gespeichert unter: Schülerverhalten — laempel @ 9:01
Tags: ,

Selbstgesteuertes, autonomes Lernen, das ist auch wieder eine Vorstellung, bei der jeder Oberpädagoge feuchte Augen bekommt: Nicht der Lehrer gibt Tempo, Reihenfolge und Umfang des zu lernenden Stoffes vor, sondern der Schüler organisiert seinen Lernprozess selbst, ausgehend von seinen eigenen Bedürfnissen. Kein ermüdendes Frage-Antwort-Spiel (auch „Unterrichtsgespräch genannt), auch keine künstlich erschaffenen Problemstellungen, sondern der Lernende stellt sich selbst die Fragen und löst sie dann im Anschluss. Das Ganze vorzugsweise in Gruppenarbeit, welche bekanntermaßen die Sozialkompetenz fördert (man bringt möglichst jemand anderes dazu, die ganze Arbeit zu machen, und heimst am Ende die Punkte dafür ein).

Nun aber zum selbstgesteuerten Lernen. Der Lehrer nehme eine englische Kurzgeschichte und lege sie den Schülern zur selbständigen Interpretation vor (die Königsdisziplin wäre, die Schüler selbst geeignete Texte finden zu lassen). Die erste Reaktion von Lieschen Müller oder Hänschen Meier wäre erwartetermaßen folgende: „Was ist das denn? Versteh ich nicht! Was soll ich nur tun?“ Damit hätten wir schon einmal die ersten wichtigen Fragen. Der ideale, selbstbestimmte Schüler würde sich nun, um den Text zu erschließen, die unbekannten Wörter markieren, sie nachschlagen und auch gleich Merklisten bzw. Vocab Sheets anlegen, um sie in seinen Wortschatz zu integrieren. Die Realität sieht aber meist anders aus: „Irgendwo muss es doch eine deutsche Übersetzung geben!“

Immerhin gelangt unser Schüler auf diese Weise zu einem gewissen Verständnis des Textes, woraufhin sich weitere Fragen stellen werden, deren Beantwortung dann zu einer tiefgehenden Interpretation führt. Der Schüler stellt also seine Fragen an den Text und entwickelt eine Strategie, diese zu beantworten. Ist die Aufgabe als Gruppenarbeit angelegt, werden innerhalb der Gruppe tiefschürfende Diskussionen um den richtigen Interpretationsansatz geführt. Dabei gilt es, kompetent auf zuvor Erlerntes (Stilmittel, Methoden der Textanalyse usw.) zurückzugreifen. Selbstverständlich plant er alle Arbeitsschritte zielgerichtet, nutzt die zur Verfügung gestellten Unterrichtsstunden effektiv und arbeitet auch zu Hause engagiert weiter, um dann am Ende das Erarbeitete in einer gelungenen Präsentation vorführen zu können.

Aber auch in Bezug auf diese Arbeitsschritte sieht die Realität meist anders aus: Die Unterrichtszeit wird in der Regel zum geselligen Beisammensein genutzt und zu Hause gibt es schließlich Besseres zu tun, als sich mit einer englischen Kurzgeschichte auseinanderzusetzen. So rückt denn der Abschlusstermin immer näher, woraufhin sich der Zeitdruck von Tag zu Tag mehr aufbaut und sich schließlich in einer überstürzten, meist gegen die verantwortliche Lehrkraft gerichteten Schockreaktion entlädt: „Das ist doch gar nicht zu schaffen! Wir sind hier nicht an der Uni! Was Sie schon wieder von uns erwarten!“ — Das wäre das noch eher freundlichere Feedback.

Selbst wenn eine Terminverlängerung vereinbart wird, so bleibt doch nur noch Zeit für die Notlösung: ein paar Mal kräftig googeln, gekonnt die Copy- und Paste-Tasten bedienen und ein zusammengeflicktes Konglomerat vor der Klasse vortragen, bei dem auch wirklich alle Zuhörer einschlafen, weil noch nicht einmal der Referent verstanden hat, wovon er redet.

Wenn der Lehrer nun wirklich autonom ist, dann lernt er aus solchen Episoden, dass die meisten Schüler noch mehr an die Hand genommen und beim Lernen geführt werden müssen, als so manchem Theoretiker lieb ist.

Juni 1, 2008

Motivation

Intrinsische Motivation — das ist auch so ein schöner Bergriff aus der Pädagogik, der besagt, dass Kinder von Natur aus lernen wollen. Sie sind voller Neugier auf die Welt um sich herum und saugen das Wissen nur in sich hinein. Dies lässt sich durchaus an Kindern beobachten, jedoch eher selten in der Schule. Eher schon in Bezug auf Computerspiele bei den Jungen, Reiten und Pferde bei den Mädchen sowie die Bedienung und Funktionsweisen neuester Medien wie Handys, MP3-Player, DVD-Recorder, Spielekonsolen bei beiden Geschlechtern. Ähnliches gilt auch für die Nutzung sozialer Netzwerke wie SchülerVZ und wie sie alle heißen. Jeder 13-Jährige kennt sich hier mit größter Wahrscheinlichkeit besser aus als seine Eltern, geschweige denn seine Lehrer.
Wie schaffen es die Kinder und Jugendlichen, sich in dieser komplexen Welt der technischen Neuerungen so gut zurechtzufinden?

Ganz einfach: Es wird so lange ausprobiert, bis es klappt. Dieses Entdeckerpotenzial der Kinder auch für den Unterricht zu nutzen, das hat uns den sogenannten handlungsorientierten Unterricht in die Schulen gebracht. Es wird nun nicht mehr gelernt, sondern entdeckt und erforscht. Lernen soll gleichermaßen spielend einfach vor sich gehen und natürlich ständig Spaß machen. Was durchaus bei bestimmten Themen seine Berechtigung haben mag, führt im Einzelnen zu seltsamen Blüten: Im Matheunterricht werden Torten zerschnitten (und auch gegessen ?), um die Bruchrechnung zu vermitteln; im Fremdsprachenunterricht werden ganze Wagenladungen von Gegenständen mitgeschleppt, um die Schüler die neuen Vokabeln entdecken zu lassen; in Deutsch werden Sätze zerschnibbelt und zu Mobiles verbastelt, um die Stellung der Satzglieder erfahrbar zu machen. Überhaubt sind Schere und Klebstoff unverzichtbare Begleiter des handlungsorientierten Unterrichts.
So weit so gut. Aber wie geht es weiter mit der Festigung des Gelernten? Vokabeln und grammatische Begriffe müssen nun einmal regelmäßig wiederholt werden, damit sie sich auf Dauer, und nicht nur für kurze Zeit einprägen. Genauso muss Kopfrechnen geübt werden und die Rechenwege müssen beherrscht werden, denn wenn sie ständig neu abgeleitet werden müssten, dann käme man überhaupt nicht mehr vom Fleck. Kurz: Wiederholungen sind notwendig, und die machen nun einmal in der Regel keinen Spaß. Mit intrinsischer Motivation kommt man hier nicht weiter, denn die meisten müssen sich diesen Lernerfolg hart erarbeiten. Gäbe es die Wiederholungsschleifen vor den Arbeiten nicht und auch nicht den mit ihnen verbundenen äußeren Druck, der die Lernbemühungen der Schüler bzw. auch die diesbezügliche Unterstützung durch die Eltern oft erhöht, würde so manches im Unterricht Erarbeitete noch viel schneller dem Vergessen anheimfallen.
Wie ideologisch verbohrt dieses Thema jedoch gesehen wird, zeigen die Pläne des schleswig-holsteinischen Bildungsministeriums: Es ist geplant, im Fach Englisch bis einschließlich Klasse 6 alle Klassenarbeiten abzuschaffen, denn es soll nur noch der individuelle Fortschritt in die Wertung eingehen. Wir lernen also spielerisch, der Spaß steht schließlich im Vordergrund, und wenn man sich nur mit Händen und Füßen verständlich machen kann (Handlungsorientierung!), dann ist das Lernziel schon erreicht.

März 17, 2008

Projektlernen

Seit über zehn Jahren schlagen sich nicht nur wir Lehrer, sondern auch die Schüler in Schleswig-Holstein mit dem so genannten Methodenunterricht (VU=Vertiefender Unterricht) und den Projektkursen (PU) herum. In jeweils zwei Stunden losgelöst vom Fachunterricht sollen „Schlüsselqualifikationen“, so genannte „Kompetenzen“, erworben werden. (In der „Kompetenzorientierung“ nimmt unser Bundesland sowieso eine Schlüsselrolle ein.) Fachliche Kenntnisse sind dabei bekanntermaßen nur eine Kompetenz unter vieren und der hehre Glaube war wohl, dass diese sich schon einstellen würden, wenn nur Selbst-, Sozial- und Methodenkompetenz beherrscht würden.

Als besonders ergiebig hat sich dies nicht erwiesen, was auch keinen direkt an Schule Beteiligten je überrascht hat. Zum einen treten in Bezug auf Teamwork bei Schülern genau die gleichen Mechanismen in Kraft, wie sie hier schon an anderer Stelle in Bezug auf die Zusammenarbeit von Lehrkräften beschrieben wurden. Zum anderen ist es wohl illusorisch anzunehmen, dass Schüler bei einem Fach, in dem keine Klausuren geschrieben werden und das auch nicht ins Abitur eingebracht werden muss, über ein ganzes Semester unter laufendem Klausurendruck der anderen Fächer kontinuierlichen eigenverantwortlichen Einsatz zeigen und dies mit einer gelungenen Präsentation krönen. (Es kommt vor, bleibt aber eher die Ausnahme.) Vielmehr werden die Stunden eher zum Relaxen genutzt. Stehen dann auch noch Computer für die Internetrecherche zur Verfügung, umso besser. Nimmt der Lehrer in diesen Stunden seine Erziehungsaufgabe ernst, so hat er alle Hände damit voll zu tun, dass wenigstens sinnvolle Internetseiten angesteuert werden. Die meisten Kollegen machen es sich da leichter, indem sie nicht so genau hinschauen….

Die zu erbringenden Abschlusspräsentationen werden dann in kürzester Zeit zusammengestoppelt, sodass die Ergebnisse in der Regel ein höchstens durchschnittliches Niveau erreichen. Dies führt natürlich dann auch zu Schwierigkeiten in der Bewertung, denn von Schülerseite wird der Anspruch erhoben, dass eine wie auch immer geartete Präsentation schon per se eine gute Leistung sei. Diskussionen mit Schülern, welche die meiste Zeit in das Aufhübschen ihres dürftigen Materials mit Power Point gesteckt haben und nun dafür eine brilliante Note erwarten, verlaufen häufig unerfreulich. Will man dann auch noch differenzierte Noten für Einzelleistungen geben, gestaltet sich die Bewertung für die Lehrkraft sehr aufwendig, da in jedem Einzelfall der Lern- und Rechercheprozess nachvollzogen werden muss, um zu einer gerechten Beurteilung zu gelangen (schließlich ist Schüler ja im „Team“ zu seinen Ergebnissen gekommen). Auch wieder eine Arbeit, die sich nicht alle Kollegen antun, sodass sich die Bewertungen dann alle zwischen elf und neun Punkten bewegen, um sich ja nicht angreifbar zu machen.

Anscheinend haben nun auch die Bildungsverantwortlichen von Schleswig-Holstein ein Einsehen. In der neuen Profiloberstufe, die im nächsten Jahr eingeführt wird, sind zwar noch so genannte „Seminarstunden“ vorgesehen — diese können aber auch zur Verstärkung des Fachunterrichts eingesetzt werden, was sich sicher kaum eine Schule entgehen lassen wird. Umso erstaunter war ich, als ich bei JochenEnglish las, dass in Bayern jetzt ganz neu ein Seminarfach eingeführt wird. Liebe Bayern, in diesem Fall hättet ihr tatsächlich einmal etwas von uns Schleswig-Holsteinern lernen können! (Sonst sind wir es doch eigentlich, die die abgelegten Hüte aus den anderen Bundesländern übernehmen, wie z.B. die zur „Gemeinschaftsschule“ umbenannte Gesamtschule.) Trotzdem viel Spaß beim Kompetenzerwerb! :)

Nächste Seite »

Bloggen Sie auf WordPress.com.