Bissiges

Juni 10, 2007

Strukturreform

Gespeichert unter: Mitmenschlichkeit, Politik — laempel @ 11:24

Zur Zeit wimmelt es nur so von Strukturreformen. Alles soll vereinfacht, entschlackt, effizient werden. So auch der ärztliche Bereitschaftsdienst. In Schleswig-Holstein ist er gerade abgeschafft worden. Ach nein, die Struktur des Bereitschaftsdienstes wurde reformiert: Außerhalb der Sprechzeiten stehen den Patienten die Ambulanzen der Krankenhäuser bzw. ihnen angeschlossene Bereitschaftspraxen zur Verfügung.

Praktisch  sieht das so aus: Im (kleinstädtischen) Krankenhaus tut — wie schon vor der Reform auch –  ein Arzt Dienst in der Ambulanz. Gleichzeitig hat er noch die Notaufnahme zu betreuen und steht auf Abruf, wenn er auf einer Station benötigt wird. Für die Patienten bedeutet das Folgendes: Alle, die mit dem Rettungswagen angeliefert werden, haben Vorrang, ebenso die Patienten auf den Stationen. Wer im Wartezimmer in der Lage ist, noch halbwegs aufrecht zu sitzen, muss — warten, und zwar stundenlang. Heute sah dies so aus: mehrere Verletzte, die zum Verbandswechsel herbestellt waren; Patienten mit gequetschtem oder halb abgeschnittenem Finger; eine ältere Frau, die schwer gestürzt war und nicht mehr laufen konnte — sie alle saßen zunächst eine halbe Stunde im WARTE-Zimmer, bevor überhaupt einmal eine Schwester hereinschaute und sich einen Überblick verschaffte, und dann noch einmal zwei Stunden, bis die ersten  behandelt wurden.

Nun also die Regeln für den Arztbesuch am Wochenende: Dramatisieren Sie! Wenn es Ihnen nicht gelingt, dass Ihre Verwandten den Rettungswagen rufen, dann beißen Sie in der Ambulanz nicht etwa die Zähne zusammen, sondern laufen Sie bleich an, sacken langsam zur Seite weg und hoffen, dass Ihre Begleiter eine der wenigen Schwestern zu fassen bekommen, die Sie dann in ein Behandlungszimmer bringt….  (Ob so tatsächlich die Einsparungen erzielt werden, die mit dieser Strukturreform bezweckt waren?)

Ach ja: Die Apotheke, die Bereitschaftsdienst hat, liegt natürlich weder in dem Ort, in dem das Krankenhaus liegt, noch im eigenen Wohnort, sondern mindestens zwanzig Kilometer weiter…. Die Versorgung der Kranken wird definitiv durch diese Strukturreform optimiert.

Mai 11, 2007

Volksschädlinge

Gespeichert unter: Mitmenschlichkeit, Politik — laempel @ 9:26

Nach den Rauchern sind nun die Dicken an der Reihe. Das verwundert den Oberlehrer nicht, denn das Land Schleswig-Holstein setzt hier bei der Verbeamtung auf Lebenszeit schon lange Prioritäten: Während ihm kein Fall bekannt ist, dass einem Kollegen wegen Rauchens die Verbeamtung verwehrt wurde, mussten zwei Bekannte wegen eines BMI von über 25 zunächst eine strenge Diät durchmachen, bevor sie den begehrten Status erhielten. (Was von der langfristigen Wirkung solcher Diäten zu halten ist, lässt sich in der aktuellen Zeit — 10.05.2007 Nr. 20: Abspecken! — nachlesen.)

Nun also die Kampfansage an alle Couch Potatoes, die mit ihren überschüssigen Pfunden, schwabbeligen Speckfalten und ungesundem Essverhalten die Volksgemeinschaft belasten: Unsere Bundesregierung legt ein Aktionsprogramm auf, damit die Deutschen nicht länger den Spitzenplatz in Sachen Gewicht in Europa innehaben (dabei wird doch sonst so viel Wert darauf gelegt, das wir Deutschen immer auf den vordersten Rängen landen…).

Im Gegensatz zum eher laschen Programm der Regierung (Aufklärung über gesundes Essen, Bewegungsprogramme) schlägt der Oberlehrer drastischere Maßnahmen vor, die dem Ernst der Lage angemessen sind:

  • Pausenbrotkontrolle in den Schulen: Alles , was nicht den Standards einer vollwertigen Ernährung entspricht (zuckerhaltige Getränke, Weißbrot, Schokoriegel, Kekse, fette Wurst und fetter Käse usw.), wird am Schuleingang entsorgt.
  • Veröffentlichung der Namen und Adressen aller Übergewichtigen im Internet, damit jeder, dem die Solidargemeinschaft am Herzen liegt, ihnen seine Meinung über ihr volksschädigendes Verhalten vor Augen halten kann.
  • Zwangswiegen beim Arzt und bei Überschreiten der 25er-Marke eine Zwangsdiät, sonst Einstellung aller medizinischer Behandlung auf Kosten der Krankenkassen. Die Volksgemeinschaft kann es schließlich nicht tolerieren, dass ihr Gesundheitssystem von solch egoistischen Sozialschmarotzern aus den Angeln gehoben wird.

(Warum nur haben sich in diesen Artikel einige Ausdrücke eingeschlichen, die seit der Zeit von 1933-45 aus der Mode geraten sind?)

Ergänzung: Weitere interessante und durchaus überlegenswerte Vorschläge finden sich im Podcast von NDR-Info (heute im Radio gehört).

Mai 7, 2007

Alltagsstress

Gespeichert unter: Marotten, Mitmenschlichkeit — laempel @ 8:44

Das Leben könnte so schön sein, gerade jetzt im Mai, da die Vöglein singen, die Blümlein blühen und duften, ein laues Lüftlein weht und das Gras unter den Füßen sprießt. Wären da nicht diese Ärgernisse. Z.B. eine offenstehende Schranktür, welche obszön in den Raum hineinragt, das wohlaustarierte innenarchtitektonische Design stört und zu allem Überfluss noch den Blick auf ein unentschuldbar ungeordnetes Sammelsurium freigibt. Z.B. ein Läufer, der nicht im rechten Winkel zur Terrassentür ausgerichtet ist und so die wohlüberlegte Linienführung konterkariert. Z.B. ein Küchenmesser, das hinterlistigerweise eine Schublade weiter eingeordnet wurde, und so beim Essenzubereiten große Hektik, schrilles Geschrei und wildes Türenschlagen verursacht. Z.B. ein Hemd, das leicht schräg auf die Leine gehängt wurde, wodurch das anschließende Bügeln zur unübwerwindlichen Strapaze wird. Z.B. eine Zahnpastatube ….

Es ist eigentlich überraschend, warum nicht noch mehr Ehen geschieden werden. Anlässe gäbe es genug.

Mai 4, 2007

Alt werden

Gespeichert unter: Mitmenschlichkeit — laempel @ 9:54

Auch wenn der Oberlehrer im besten Lebensalter ist, sozusagen noch voll im Saft steht, kommt er nicht umhin, über das Altern nachzudenken. Die Verwandtschaft macht es schließlich vor, wie es geht.

Schon die Namen von Altersheimen, neuerdings wird die Bezeichnung „Seniorenresidenz“ bevorzugt, haben einen euphemistisch-abschreckenden Charakter: Feierabend  oder Sonnenuntergang — da kommen doch eher düstere Assoziationen.

Menschenwürde ist relativ: Sie nimmt mit dem Alter ab. Jeden Anspruch darauf gibt man ab, wenn man Insasse einer solchen Einrichtung  wird. Dann wird man zum Objekt von Pflegestandards, die koste es, was es wolle, durchgesetzt werden. Essen gibt es nur zu bestimmten Tageszeiten; im Zweifelsfalle erfolgt die Zwangsfütterung, denn es muss ja im Pflegebericht dokumentiert werden, dass der Patient ausreichend versorgt wurde. Oma kaut nur noch auf den Felgen? — Dann her mit dem Zahnersatz, ob sie will oder nicht. Morgens wird das Gebiss dann mit Gewalt eingeschoben, auch wenn Oma so fest es geht die Lippen zusammenpresst. Opa will nicht mehr essen? — Dann her mit der Magensonde; das Einflößen der Nahrung hat sowieso zu viel Zeit gekostet. Toilettenbesuche finden nach Zeitplan statt; wenn jemand zur falschen Zeit muss und dabei Hilfe benötigt, hat er Pech gehabt. Es gibt ja schließlich auch Windeln, und dank moderner Materialien ist ein Durchnässen nicht mehr zu befürchten: Satt und trocken!

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