Bissiges

September 23, 2007

Klassenfahrt

Gespeichert unter: Arbeitsbedingungen, Eltern, Schülerverhalten — laempel @ 9:04

Klassenfahrten sind pädagogisch durchaus sinnvoll. Das sagt der Oberlehrer zumindest immer den Eltern, wenn diese sich beschweren, dass sie wieder eine erkleckliche Summe für die Teilnahme ihres Sprösslings am gesellschaftlichen — besser: schulischen — Leben aufbringen müssen. Klassenfahrten fördern die Selbständigkeit, das Miteinander, die gegenseitige Rücksichtnahme und sind insgesamt gut für die Klassengemeinschaft.Klingt alles gut. In Bezug auf die Selbständigkeit kommen aber die ersten Zweifel auf, wenn man die Kids mit ihren überdimensionierten Gepäckstücken am Bahnhof begrüßt. Ohne massive Beteiligung der Eltern beim Einsteigen geht dann gar nichts. Beim ersten Mal Umsteigen geht dann das eigentliche Abenteuer los, wenn zierliche Mädchen verzweifelt ihre Kofferschränke aus dem Zug und von einem Bahnsteig zum nächsten zerren, den begleitenden Lehrer mit flehendem Blick zum Anpacken auffordernd.

Entnervend auch das in zehnminütigem Abstand wiederkehrende „Wie lange fahren wir noch?“, und das, obwohl die Schülerschaft über wesentlich akkuratere Zeitmessgeräte verfügt als der Lehrer und nur auf die Idee kommen müsste, den ausgehändigten Fahrplan mit der aktuellen Uhrzeit in Relation zu bringen.

Was die Klassengemeinschaft angeht: Sie wird durchaus auf die Probe gestellt, dadurch dass Ordnungsfanatiker und Chaoten in einem Zimmer miteinander auskommen müssen. Streitereien um zweckentfremdete Süßigkeiten, Abstimmungsschwierigkeiten beim Einschlafen, Drängeln im viel zu klein dimensionierten Waschraum — all das schweißt zusammen. Auch gegenüber dem ständig erhöhten Lärmpegel muss eine gewisse Toleranz entwickelt werden — ein wichtiges Training für das weitere Überleben an der Schule. Sollte die Klasse also die Fahrt als Ganzes überstehen, ohne dass einzelne Mitglieder zwischendurch eliminiert wurden, so ist tatsächlich am Ende von einem verständnisvolleren Miteinander auszugehen.

Eine weitere Gesetzmäßigkeit ist, dass immer ausgerechnet der Schüler krank wird, der seine Chipkarte vergessen hat. Die Verhandlungen mit dem behandelnden Arzt gestalten sich so durchaus interessant, wenn man überhaupt von der Sprechstundenhilfe ins Behandlungszimmer vorgelassen wird. Außerdem gibt es naturgemäß immer einen Schüler, der am Ende der Fahrt nicht von seinen Eltern abgeholt wird, da der Termin der Rückfahrt völlig überraschend über sie gekommen ist. Während also besagter Schüler wie ein Häufchen Unglück verzweifelt am Bahnsteig versucht, die Erziehungsberechtigten zu kontaktieren, begräbt die übermüdete Lehrkraft die frivolerweise zuvor gehegte Hoffnung auf eine baldige Heimkehr, da sie im Gegensatz zu den Eltern es nicht übers Herz bringt, den armen Schüler allein zu lassen.

 

Juli 7, 2007

Rauchen

Gespeichert unter: Eltern, Schulpolitik — laempel @ 9:06

Das seit etwa einem Jahr geltende Rauchverbot an Schulen hat sich als Segen erwiesen. Rauchende Schüler müssen sich vom Schulgelände verkrümeln, um ihrem Nikotingenuss zu fröhnen, was die Zahl der an der Schule konsumierten Zigaretten drastisch verringert hat. (Ob man allerdings nicht über das Ziel hinausgeschossen ist, als man auch die Einrichtung von Raucherräumen für Lehrkräfte verbot, sodass auch diese an die Grenze des Schulgeländes zurückziehen müssen, steht noch dahin.)

Zu beobachten ist jedoch, dass es trotz dieser Verbote keinen allgemeinen Konsens in der Gesellschaft  gibt, dass in Gegenwart von Kindern nicht geraucht werden sollte. Wohlgemerkt sind es nicht die Lehrkräfte, ob rauchend oder nichtrauchend, die dies unterlaufen. Vielmehr sind es die Eltern selbst, die ihren Kindern nicht nur ein schlechtes Vorbild geben, sondern sie direkt über ihre Sucht schädigen. Hier nur ein paar Beispiele:

  • Papa bringt die Kinder mit dem Auto zur Schule. Während der Fahrt werden alle von der qualmenden Zigarette des Fahrers eingenebelt.
  • Mama setzt ihr Krabbelkind auf dem Parkplatz vor dem Supermarkt in den Einkaufswagen. Bis zum Eingang wird schnell noch eine Zigarette geraucht — den aromatischen Dunst darf das Kleine bis dahin genüsslich einatmen.
  • Auf dem Schulparkplatz warten Eltern ungeduldig auf ihre Kinder. Mit der Zigarette in der Hand bilden sie ein Spalier, durch das alle anderen hindurchmüssen.
  • Beim Schulfest ist es einigen Müttern und Vätern unmöglich, die Tanz- und Theatervorführungen der Kinder zu verfolgen, ohne sich eine Zigarette anzustecken. Der Hinweis der Lehrkräfte, auf dem Schulgelände doch bitte nicht zu rauchen wird mit abfälligen, hämischen Bemerkungen kommentiert.

Manchmal beginnt man sich zu fragen, ob alle Eltern wirklich das Beste für ihre Kinder wollen.

Mai 21, 2007

Neurosen

Gespeichert unter: Arbeitsbedingungen, Eltern, Marotten, Politik — laempel @ 11:10

Viele der kreativsten und genialsten Menschen litten unter psychischen Störungen, die dazu führten, dass sie zumindest als Sonderlinge angesehen, wenn nicht gar in irgendwelche Anstalten weggesperrt wurden oder Selbstmord begingen. Man denke nur an van Gogh, Nietsche, Virginia Woolf, Herrmann Hesse, Curt Cobain — die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Es scheint so, als ob psychische Instabilität geradezu die Voraussetzung für Kreativität, Genialität sei.
In diesem Fall müsste der Oberlehrer noch einmal seine Karriereplanung überdenken, denn die Arbeitsbedingungen sind so angelegt, dass zwangsläufig neurotische Störungen entstehen. Man kann hier in der Bestandsaufnahme schon vor der derzeit grassierenden bildungsministerialen Reformitis als Folge des lang andauernden Pisa-Schocks ansetzen. Beginne man doch einfach mit der Zeitstruktur: Im Fünfundvierzig-Minuten-Takt soll mehr oder weniger aufnahmebereiten Schülern Wissen eingetrichtert werden. In einem Tagesablauf springen letztere vom Sportunterricht zu Englisch, dann zu Biologie, Mathematik, Religion, Deutsch und vielleicht noch Physik. Und auch der Oberlehrer hüpft an einem Vormittag von Klasse zu Klasse, froh, wenn er in der letzten Stunde noch weiß, was er am Vortag geplant hatte. In der Zwischenzeit sicher Wichtiges vergessen: ein Satz Photokopien im Kopierraum liegen gelassen, Mitteilung über kranke Schüler nicht an Kollegen weitergegeben, Bücher oder anderes Material nicht ins Fachschaftsregal zurückgestellt, Arbeiten nicht eingetragen und so weiter und so fort.
Dann diese merkwürdige doppelbödige Erwartungshaltung, welche der Lehrperson entgegengebracht wird: Einerseits soll sie — so der Anspruch der Eltern — all das richten, was im Elternhaus versäumt wurde: den Kindern Ordnung, Disziplin, Höflichkeit, Mitmenschlichkeit und was nicht sonst noch so alles vermitteln. Andererseits gibt es wohl kaum eine Berufsgruppe, der nicht ein so hohes Maß an Unwillen, Unfähigkeit und Faulheit unterstellt wird, wie den Lehrern. Jeder mit psychologischem Halbwissen behaftete Mitmensch kann sich ein plastisches Bild von den Folgen für die geistige Gesundheit machen, welche der täglich vollführte Eiertanz zwischen dem Versuch, diesem idealistischen Anspruch gerecht zu werden, und dem ständigen Untergraben der Autorität nach sich zieht. Selbstverständlich ist immer der Lehrer schuld: wenn Kinder keine Hausaufgaben machen, wenn sie zu spät zur Schule kommen, wenn sie im Unterricht anderen Dingen nachgehen, den Unterricht sabotieren oder ihm sogar fernbleiben (vulgo schwänzen). Schließlich kann man es den armen Kleinen nicht verübeln, wenn der Unterricht keinen Spaß macht. Faszinierend soll er sein, mühelos soll das Wissen in die Köpfe der begeisterten Jugend einfließen, sie mitreißen und die Freude für weiteres Entdecken wecken. Aber unsere armen Kinder werden drögen Übungen ausgesetzt, müssen lesen, gar handschriftlich Texte verfassen, Grammatik, Vokabeln und das Einmaleins pauken — es ist schon ein Graus. Da kann man es schon verstehen, wenn dabei Schulunlust aufkommt…und von diesen faulen Lehrern, diesen Halbtagsjobbern mit Managergehältern hat man ja sowieso nichts Besseres erwartet.
Eine innere Gespanntheit, Zerissenheit zwischen Anspruch und Wirklichkeit — das wird zum Wesen des Lehrers. Diese psychischen Grenzerfahrungen schreien geradezu danach, sie in Höherem zu sublimieren. So sehe man denn: Die Schule als Berufsfeld ist die Brutstätte kreativsten Denkens und Werkens — oder warum gehen so viele Lehrer in die Politik?

April 8, 2007

Ostergeschenke

Gespeichert unter: Angeber, Eltern — laempel @ 6:07

Ostern hat, was das Einheimsen von Geschenken angeht, enorm zu Weihnachten aufgeholt. Stand zu Kindheitstagen des Oberlehrers die gemeinsame, wenn auch nicht immer spannungsfreie, Ostereiersuche im Familienkreis im Vordergrund, so versuchen sich in diesen Tagen die Verwandten mit Geschenken zu überbieten, auch wenn diese nicht ganz so werthaltig sind wie am Heiligabend oder Geburtstag. Wenn aber dem Enkelkindchen etwa einen Monat vor dem Ereignis regelmäßig im Wochenabstand Geld zugesteckt wird — „Für Ostern“ –, dann kommt schon eine anständige Summe zusammen.

„Was hast du zu Ostern bekommen?“ ist die Standardfrage am ersten Schultag nach den Ferien. Und die Antworten gehen bei der männliche Klientel von Computerspielen bis hin zur neuesten Ausgabe der Spielekonsole, bei den Mädchen von der bekannten Puppe mit der Wespentaille bis hin zu kompletten Reitausrüstungen. Bei beiden Geschlechtern gleichermaßen begehrt sind Handys und MP3-Player. Hinzu kommen dann noch Berge von Schokohasen, Praliné-Eiern und bunten Käfern aller Art. (Spätestens zu Weihnachten werfen wir die letzten davon in den Müll.)

Zu beobachten ist auch, dass es oft Kindern, deren Eltern Zuwendung und Betreuung vermissen lassen, in dieser Hinsicht an nichts mangelt, vielmehr dass sie die anderen noch an Masse übertreffen. Ganz so, als ob die Eltern an diesem einen Tag all das nachholen müssen, was sie den Rest des Jahres über versäumen.

April 4, 2007

Britische Marinesoldaten frei

Gespeichert unter: Eltern, Politik — laempel @ 9:25

Das war die Nachricht des Tages: Aufgrund der unermesslichen Großzügigkeit der iranischen Regierung wurden die gekidnappten britischen Marinesoldaten nach Smalltalk und Händeschütteln mit Achmadineschad der britischen Botschaft übergeben. Es sei dies ein Geschenk des großen iranischen Volkes an die Briten. Wow.

Übertragen auf den Alltag böte sich folgendes Handlungsmuster an, um das Selbstbewusstsein des Oberlehrers zu steigern: Schüler werden zum Nachsitzen in der Schule behalten — ein Grund findet sich immer, z.B. freches Grinsen, undiszipliniertes Husten, demonstratives Auspacken usw. Die Delinquenten werden dann unter massiven Drohungen („Wenn du nicht spurst, bleibst du bis morgen früh hier“) dazu angehalten, zu Hause anzurufen, ihre Untat unter Tränen zu gestehen und die Eltern zu bitten, sich doch bei der Lehrkraft für das ungebührliche Verhalten ihres Sprösslings zu entschuldigen. Ist alles zur Zufriedenheit des Oberlehrers erfüllt, kann der Schüler gnädig unter gut gemeinten Ermahnungen nach Hause entlassen werden.

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