Bissiges

September 29, 2008

Parallelarbeiten, VERA und der ganze Rest

Es ist doch erstaunlich, wie flexibel unsere Bildungsbürokratie ist. Mit dem nun beginnenden Schuljahr und der Einführung von G8 in Schleswig-Holstein hat sie sich aus unerfindlichen Gründen entschieden, die Parallelarbeiten abzuschaffen — streng genommen für G8, aber der entsprechende Passus lässt sich auch so interpretieren, dass er für die ganze Sekundarstufe I anzuwenden ist. Dabei waren die Parallelarbeiten einst kurzschlussartig auf den Pisa-Schock eingeführt worden, in Verbindung mit einer ausgeprägten Datensammelwut und Dokumentationspflicht: Die geschriebenen Arbeiten mussten archiviert und an die Schulleitung weitergeleitet werden; die Ergebnisse sowie Ausfall und Durchschnitt der vorherigen Arbeiten wurden über die Schulleitung an das Ministerium weitergeleitet. Wie aussagekräftig solche unspezifischen Durchschnittsdaten sind, kann sich jeder vorstellen, der z.B. im Fach Deutsch die unterschiedlichen Anforderungen z.B. eines Aufsatzes und einer Grammatikarbeit bzw. im Fach Mathematik von Bruchrechnung und Geometrie erfasst hat. (Den Wegfall dieser bürokratischen Auswüchse wird wohl keiner bedauern.)
Ziel der Parallelarbeiten war es, die uns anvertrauten Schüler auf die Bildungsstandards zu trimmen, gewissermaßen als Vorbereitung für die dann zentral gestellten Vergleichsarbeiten, deren Verbindlichkeit für die Fächer Deutsch, Mathematik, erste Fremdsprache in den Klassenstufen 6 und 8 (zwischendurch sollte es auch schon mal Kl. 9 sein) seit mehreren Jahren angekündigt worden war und in diesem Schuljahr nun endgültig zum Tragen kommen sollte — wie es auch auf der Lernnetz-Seite zunächst zu lesen war. Umso erstaunter war der Oberlehrer, als er nun dort lesen konnte, dass es mit der Verbindlichkeit auch nicht so weit her ist: Diese gilt nur für das Fach Deutsch in Klasse 6 und für das Fach Mathematik in Klasse 8. Sowohl Parallel- als auch Vergleichsarbeiten wurden uns in den letzten
Jahren als der Weisheit letzter Schluss verkauft, um den Bildungsstand
unserer Kinder zu sichern. Beides sollte als Grundlage dafür dienen,
dass bei unterschiedlichen schulinternen Fachcurricular trotzdem
vergleichbare Standards eingehalten werden. Sowohl die Fortbildungen
als auch die Organisation vor Ort haben immense Ressourcen an Zeit und
Material verbraucht. Da dürfte man doch nun doch zumindest eine
Begründung erwarten, wenn diese wichtigen Reformen so sang- und
klanglos im Sande verlaufen.Offiziell ist hier aber nichts zu erfahren. Sollten sich unsere Reformer etwa übernommen haben?
Zu merken ist dies auch an der Organisation des mittleren Bildungsabschlusses. Mit diesem Schuljahr sollen all diejenigen, die voraussichtlich den Übergang in die gymnasiale Oberstufe nicht schaffen, die Realschulprüfung ablegen. Man hätte nun erwarten können, dass die betreffenden Kollegen hier entsprechend geschult, dass es rechtzeitig Durchführungsbestimmungen und Anweisungen geben würde, wie eine Realschulprüfung an den doch etwas anders organisierten Gymnasien umzusetzen ist. Aber wie so oft verweist man hier auf die individuelle Verantwortung der einzelnen Schule, was in etwa so viel heißt: „Seht zu, wie ihr das hinbekommt, aber belästigt uns nicht mit solchen überflüssigen Detailfragen.“ Wenn nun tatsächlich alles klappen sollte und sich unsere Bildungsministerin im nächsten Sommer vor der Presse damit brüsten kann, dass nun niemand mehr ohne Schulabschluss die Schule verlässt, so werden wir vor Ort jedenfalls wissen, wer die eigentliche Arbeit erledigt hat. Sollte es, was nicht nicht ganz unwahrscheinlich ist, Pannen geben, dann wissen wir auch, wer den Kopf dafür hinhalten muss. Die Bildungsministerin wird es jedenfalls nicht sein.

Mai 6, 2008

Arme Hauptschüler

Gespeichert unter: Arbeitsbedingungen, Schulpolitik — laempel @ 10:34
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Immer wenn es um das dreigliedrige Schulsystem geht, ist in den letzten Jahren viel von „Aussortieren“ und „Selektion“ die Rede. (Letzterer Begriff erweckt doch dunkle Assoziationen an üble Praktiken aus der Nazizeit, was wohl auch nicht ganz ungewollt ist.) Gemeint ist, dass Realschule und Gymnasium ihre relativ guten Ergebnisse aufgrund der Tatsache erzielen würden, dass sie die Hauptschüler vorher „aussortiert“ hätten. Durch eine homogenere Schülerschaft gebe es ein besseres Lernumfeld, in dem auch Schwächere wesentlich höhere Leistungen erzielen würden als an einer Hauptschule. Dadurch dass in erster Linie „Unterschichtskinder“ diese Schulform besuchen, die ihnen keine Aufstiegsmöglichkeiten bietet, erhält diese Frage auch eine soziale Dimension: Unser Schulsystem zementiert die sozialen Schichten, fast wie in einer Feudalgesellschaft.

Dass das Lernumfeld eine enorme Rolle spielt und dass sich die Hauptschulkollegen mit Problemen herumschlagen müssen, von denen wir am Gymnasium noch nicht einmal die Bruchstücke erahnen, das soll hier nicht bestritten werden. Aber es darf doch bezweifelt werden, dass sich dieses Lernumfeld nicht auch an Hauptschulen herstellen ließe (Bayern macht es schließlich vor). Zumindest für Schleswig-Holstein lässt sich sagen, dass die Hauptschule systematisch an die Wand gefahren worden ist — aus Kostengründen.

Eigentlich sollte man davon ausgehen, dass Hauptschüler, da sie länger zum Lernen brauchen und man bei ihnen auch kaum eigenständiges Lernen voraussetzen kann, mehr Unterrichtszeit benötigten als Gymnasiasten. Außerdem müssten die Lehrer neben ihrer pädagogischen Fähigkeit hervorragend fachdidaktisch ausgebildet sein, um den Schülern trotz ihrer Schwierigkeiten den Stoff näherzubringen.
Nach meinen Beobachtungen der örtlichen Hauptschullandschaft traf beides in den letzten fünfzehn Jahren viel zu oft nicht zu: In Sek. I erhielten die Hauptschüler etwa ein drittel weniger Unterricht als Gymnasiasten. Wenn Lehrer krank waren, fiel der Unterricht oft tageweise aus. Die Unterrichtsversorgung hat sich in den letzten Jahren zwar gebessert; die Stundentafel sieht aber immer noch weniger Stunden als am Gymnasium vor (wenn es sich nicht gerade um Ganztagsschulen handelt). Was die Versorgung mit Fachlehrkräften betrifft, so ist man auch hier jahrzehntelang nach dem Motto verfahren: Wer selbst mal in der Schule war, wird auf diesem Niveau schon unterrichten können. Oder wie muss man es verstehen, wenn an die Hauptschule abgeordnete Gymnasiallehrer mit den Fächern Mathematik und Erdkunde mit einem Mal Englisch unterrichten sollen? Jeder Hauptschulkollege muss grundsätzlich davon ausgehen, alle Fächer unterrichten zu müssen. Hier spricht sich doch die eigentliche Verachtung gegenüber den Schülern aus: Voll ausgebildete Lehrer seid ihr uns nicht wert!

Deshalb alle Achtung vor den Hauptschulkollegen, die unter diesen Bedingungen täglich einen Spagat absolvieren! Kinder und Jugendliche, die von der Gesellschaft von vornherein als Verlierer abgestempelt wurden, noch fürs Lernen zu motivieren, ohne selbst genügend dafür ausgebildet worden zu sein — das grenzt an die Quadratur des Kreises. Dass unter diesen Verhältnissen nicht die optimalen Leistungen erzielt werden, kann man nun wirklich nicht der Schulform anlasten.

Dass dieses Verliererimage der Hauptschüler, die Kinder des „Prekariats“, mit einem Mal verschwinden wird, wenn man nur die Hauptschule auflöst, das dürfte zu den größeren Lebenslügen der Verantwortlichen gehören. Wenn man nicht bereit ist, gezielt zu fördern, und zwar nicht nur pädagogisch, sondern auch fachlich, dann werden diese Kinder nie die Erfolgserlebnisse erzielen, die sie so nötig für ihre Entwicklung benötigen, um dem häufig katastrophalen Umfeld zu entwachsen. Im Gegensatz, sie werden auch an der neuen Schulform schnell merken, dass sie die „Doofen“ sind — Mitschüler sind da ziemlich direkt. Will man wirklich über die Schule den sozialen Unterschieden entgegenwirken, dann muss man auch bereit sein, dafür Geld auszugeben. Also an alle eine Frage: Was sind uns die Hauptschüler wert?

März 31, 2008

Fortbildung

Gespeichert unter: Arbeitsbedingungen, Schulpolitik — laempel @ 9:56
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Schon als gemeines Mitglied des Lehrkörpers kommt man aus dem Stöhnen nicht mehr heraus, fühlt sich von der Reformeritis der Bildungsbürokratie im vierteljährlichen Rhythmus immer wieder ins kalte Wasser der Neuerungen geworfen und hat dabei Mühe und Not, den Kopf sicher über Wasser zu halten. Der Wunsch nach angemessenen Fortbildungen verhallt ungehört bzw. wird zynisch damit abgetan, man werde schließlich wie ein Manager bezahlt, dann müsse man sich die nötigen Kenntnisse auch eigenverantwortlich aneignen. Oder die Lehrerschaft wird zu Pflichtveranstaltungen bestellt (jetzt aktuell in Schleswig-Holstein „Englisch Kontinuum“ — Übergang vom Grundschulenglisch zur Sekundarstufe), die dann aber nicht über Allgemeinplätze hinausgehen, wie „In einem guten Englischunterricht wird sinnvoll kommuniziert“.

Interessant war in dieser Beziehung die Sendung PISAplus des Deutschlandfunks am letzten Samstag, in der es um die Qualifikation von Schulleitern ging. Darauf, dass man in dieser Position die Rolle einer eierlegenden Wollmilchsau ausfüllen muss (repräsentieren, akquirieren, koordinieren, kommunizieren, inspirieren, evaluieren, disziplinieren — und das alles bei einer anspruchsvollen Klientel, wobei die individualistischen Lehrkräfte nicht zu den einfachsten Vertretern gehören), wird man praktisch nicht vorbereitet. Die von den Dienstherren angebotenen Fortbildungen erschöpfen sich in der Regel in Schulungen in Bezug auf Schulrecht und Organisationsstrukturen. Die Fortbildungsmisere erreicht hier einen Höhepunkt; Schulleiter, die sich konkret auf ihre Position vorbereiten wollen, sind hier in der Regel auf Angebote der freien Wirtschaft angewiesen. Zudem sind die Anforderungen bei häufig unattraktiven Bedingungen dermaßen gewachsen, dass sich kaum noch Bewerber finden. (Hier die Links zur Sendung: Direktorensuche, Schulleiter-Tandem)

Dass viele Schulleiter es deshalb nicht schaffen, ihre Schule zu führen, sondern das Kollegium mit endlosen Monologen in Konferenzen langweilen (wie hier im Lehrerzimmer immer wieder eindrucksvoll dargestellt) oder nach dem Prinzip „Teile und herrsche“ ein Klima des Misstrauens aufbauen oder durch selbstherrliches Gehabe die Elternschaft gegen sich aufbringen, das mag dann weniger verwundern als die Tatsache, dass es trotz allem viele Schulleiter gibt, die „ihre“ Schule als Projekt begreifen und es schaffen, alle Beteiligten für die engagierte Weiterentwicklung der Schule zu gewinnen.

März 21, 2008

Was auch noch dazugehört

Gespeichert unter: Arbeitsbedingungen — laempel @ 9:55
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Es gibt viel in diesem Beruf, das einen die eigenen Grenzen erfahren lässt, sei es der Umgang mit empörten Eltern, störenden Schülern, nicht immer hilfsbereiten Kollegen oder einer vor Reformeifer strotzenden Kultusbürokratie (wobei Letzteres mit Abstand am nervenaufreibendsten ist). Aber in all diesen Fällen gibt es meist eine Lösung, mit der alle Beteiligten leben können.

Hilflosigkeit bleibt immer in solchen Fällen, in denen es kaum eine Lösung mehr gibt: Eltern lassen sich scheiden und setzen die Kinder als Waffen im Scheidungskrieg ein, alleinerziehende Mütter verlieren ihre Arbeit und stehen vor dem Nichts, Schüler verunglücken tödlich oder erkranken lebensbedrohlich an Krebs oder MS, Eltern eines Schülers erkranken schwer oder verunglücken tödlich. Vielleicht ist dies zur Zeit nur eine zufällige Häufung, aber manchmal wünschte man, im Studium wären auch einige Seelsorge-Seminare dabeigewesen.

März 17, 2008

Projektlernen

Seit über zehn Jahren schlagen sich nicht nur wir Lehrer, sondern auch die Schüler in Schleswig-Holstein mit dem so genannten Methodenunterricht (VU=Vertiefender Unterricht) und den Projektkursen (PU) herum. In jeweils zwei Stunden losgelöst vom Fachunterricht sollen „Schlüsselqualifikationen“, so genannte „Kompetenzen“, erworben werden. (In der „Kompetenzorientierung“ nimmt unser Bundesland sowieso eine Schlüsselrolle ein.) Fachliche Kenntnisse sind dabei bekanntermaßen nur eine Kompetenz unter vieren und der hehre Glaube war wohl, dass diese sich schon einstellen würden, wenn nur Selbst-, Sozial- und Methodenkompetenz beherrscht würden.

Als besonders ergiebig hat sich dies nicht erwiesen, was auch keinen direkt an Schule Beteiligten je überrascht hat. Zum einen treten in Bezug auf Teamwork bei Schülern genau die gleichen Mechanismen in Kraft, wie sie hier schon an anderer Stelle in Bezug auf die Zusammenarbeit von Lehrkräften beschrieben wurden. Zum anderen ist es wohl illusorisch anzunehmen, dass Schüler bei einem Fach, in dem keine Klausuren geschrieben werden und das auch nicht ins Abitur eingebracht werden muss, über ein ganzes Semester unter laufendem Klausurendruck der anderen Fächer kontinuierlichen eigenverantwortlichen Einsatz zeigen und dies mit einer gelungenen Präsentation krönen. (Es kommt vor, bleibt aber eher die Ausnahme.) Vielmehr werden die Stunden eher zum Relaxen genutzt. Stehen dann auch noch Computer für die Internetrecherche zur Verfügung, umso besser. Nimmt der Lehrer in diesen Stunden seine Erziehungsaufgabe ernst, so hat er alle Hände damit voll zu tun, dass wenigstens sinnvolle Internetseiten angesteuert werden. Die meisten Kollegen machen es sich da leichter, indem sie nicht so genau hinschauen….

Die zu erbringenden Abschlusspräsentationen werden dann in kürzester Zeit zusammengestoppelt, sodass die Ergebnisse in der Regel ein höchstens durchschnittliches Niveau erreichen. Dies führt natürlich dann auch zu Schwierigkeiten in der Bewertung, denn von Schülerseite wird der Anspruch erhoben, dass eine wie auch immer geartete Präsentation schon per se eine gute Leistung sei. Diskussionen mit Schülern, welche die meiste Zeit in das Aufhübschen ihres dürftigen Materials mit Power Point gesteckt haben und nun dafür eine brilliante Note erwarten, verlaufen häufig unerfreulich. Will man dann auch noch differenzierte Noten für Einzelleistungen geben, gestaltet sich die Bewertung für die Lehrkraft sehr aufwendig, da in jedem Einzelfall der Lern- und Rechercheprozess nachvollzogen werden muss, um zu einer gerechten Beurteilung zu gelangen (schließlich ist Schüler ja im „Team“ zu seinen Ergebnissen gekommen). Auch wieder eine Arbeit, die sich nicht alle Kollegen antun, sodass sich die Bewertungen dann alle zwischen elf und neun Punkten bewegen, um sich ja nicht angreifbar zu machen.

Anscheinend haben nun auch die Bildungsverantwortlichen von Schleswig-Holstein ein Einsehen. In der neuen Profiloberstufe, die im nächsten Jahr eingeführt wird, sind zwar noch so genannte „Seminarstunden“ vorgesehen — diese können aber auch zur Verstärkung des Fachunterrichts eingesetzt werden, was sich sicher kaum eine Schule entgehen lassen wird. Umso erstaunter war ich, als ich bei JochenEnglish las, dass in Bayern jetzt ganz neu ein Seminarfach eingeführt wird. Liebe Bayern, in diesem Fall hättet ihr tatsächlich einmal etwas von uns Schleswig-Holsteinern lernen können! (Sonst sind wir es doch eigentlich, die die abgelegten Hüte aus den anderen Bundesländern übernehmen, wie z.B. die zur „Gemeinschaftsschule“ umbenannte Gesamtschule.) Trotzdem viel Spaß beim Kompetenzerwerb! :)

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