Das Abitur wurde einmal auch Reifezeugnis genannt. Einige benutzen diese Bezeichnung immer noch. Wahrscheinlich hängt dieser Name damit zusammen, dass diejenigen, welche diese Bescheinigung nach zwölf, dreizehn oder auch mehr Jahren Schulzeit erwerben, so lange durchgehalten haben. So wie guter Wein oder Käse durch eine längere Reifung ihre Qualität erhalten, so werden auch die Schüler gelagert, in der Hoffnung, dass am Ende eine ausgebildete, gereifte Persönlichkeit die Anstalt verlässt.
Was Persönlichkeit angeht, so soll die den Abiturienten nicht abgesprochen werden. Es ist immer wieder bewundernswert, welche Facetten menschlichen Geistes, welche Kreativität, welche Lebenslust zu beobachten sind. Ob es aber unbedingt etwas mit Reife zu tun hat, wenn nach dem schriftlichen Abitur so intensiv gefeiert wird, dass einem am nächsten Schultag allein von der Raumluft schwindlig wird und der ein oder andere Schüler den Kopf nicht mehr von Tisch heben kann? Auch die Sitte, nach Abschluss der Klausuren gegenüber anderen obszöne Gesten von sich zu geben — bis hin zur Entblößung privatester Körperteile — zeugt nicht gerade von gutem Geschmack.
Da fragt sich der Oberlehrer nur, wie die künftige Verkürzung der Schulzeit sich auf die Qualität der Jahrgänge auswirken wird.